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Monatsthemen

und Gewinner*innen

Unsere Gewinner*innen im Mai 2021

Die Jury hat entschieden!

Wettbewerb im Mai 2021

Im Mai haben wir euch ein Gedicht von Dirk Uwe Hansen präsentiert, in dem die Erde als Organismus dargestellt wird. Besonders diesen Bezug zum menschlichen Körper und seinen Organen habt ihr in euren Einsendungen aufgegriffen und mit den entsprechenden Wortfeldern gespielt. „lass mich etwas aus deinen fingern saugen /
lass mich dir ein auge zudrücken / damit du nicht siehst wo / wir unsere mutter melken“, heißt es in einem der Gewinnerinnentexte, in einem anderen: „
der Nabel der Welt wurde verschluckt / und ausgekotzt / und auf saurem Boden wächst doch nichts“. Mit diesen ersten Eindrücken der sechs ausgewählten Texte wünschen wir euch allen viel Spaß beim Lesen und gratulieren den sechs Gewinnerinnen aus dem Mai 2021 sehr herzlich!

Nabelschnurknoten

Alexandra Barth
2003

als du das letzte Mal schwer im Magen lagst
und die Autos fuhren Blutbahnen um deine Finger
hattest du Nabelschnüre gewickelt in die verknotet ich
stumm an deinen Lippen hing

wir sahen uns das erste Mal
und fassten uns ins Auge
streuten ordentlich Salz rein
bis keine Tränen mehr standen

Löcher hast du mir in den Bauch gefragt
warum die Erde sich noch dreht
ob wir Organhändler sind
und was das miteinander zu tun hat
auf der Zunge habe ich mein Herz getragen
mit den ganzen Bierflaschen und Schimpfwörtern
die jetzt alle leer sind

wir aber füllten uns
wie Moskitonetze in Sommernächten
Motten im Kopf
im Bauch Schmetterlinge
die nach dicker Luft schmeckten
die man kopflos in grüne Lungen zog

dort wo wir lagen hinterließen die Kurven
unserer Körper bleibende Kopien unserer Kämpfe
wir gruben in der Erde
aber fanden nichts
der Erde Eingeweide
bereits ausgeweidet
                                            da rein
                                da raus
aber fanden nichts
weil wir zu dicht am Herzen lagen
um es schreien zu hören
schlugen wir uns blauäugig
und die Nacht um die Ohren

die letzte Kippe warfst du einfach auf den Boden
und sagtest da wächst Gras drüber aber
der Nabel der Welt wurde verschluckt
und ausgekotzt
und auf saurem Boden wächst doch nichts

de rerum natura

Rosa Engelhardt
2001

sieh nicht hin wo
die himmelskörper schweben
nackte leiber frisch aus dem muttermund gekotzt
da ist es geheim da
versteck ich den nabel der welt
manchmal leg ich den finger hinein
um den organen näher zu kommen
so sehr will ich mich umstülpen
das sag bitte nicht weiter
sag mir
warst du jemals am meer?
wollten sie dich im wasser gebären?
wer will schon dem abschaum entsteigen
ich lausche oft in die muscheln
hör meinem eigenen blut beim strömen zu
lass mich etwas aus deinen fingern saugen
lass mich dir ein auge zudrücken
damit du nicht siehst wo
wir unsere mutter melken

kein tempel

Rosa Lobejäger
2003

du schlägst bodenschätze aus meinen blicken du tauchst tauchst du und wenn ja, wie tief und hörst du das trommelfell in meinem brustkorb schlagen spalten deine finger meine rippen auf fächerst du die lungenbläschen auf verirrst du dich auch in meinem zwerchfell ich biege meine wirbelsäule bis sie bricht und dann atme ich.

du schlüsselst mich auf an den adern entlang der schnellste weg zu meinem augapfel du pochst dagegen ich halte die tränen sie laufen aus den lidern ich schließe meine hand und meinen mund ich bin ein klotz aus lehm.

die angst vor dem schlafen kannst du auf meinen schulterblättern lesen sie bestehen aus kreide und haut die du einfach abziehen kannst sie ist bloß eine weitere membran.

meine halswirbel bauen mich auf ich blühe an manchen tagen auf an anderen ringe ich nach luft die zellen sind nicht weit genug und der druck auf der brust zerschlägt mich.

meine beine tragen kaum die flatterhaften arme den flatterhaften atem die spindelfinger auf was sie zeigen? weggeworfene räume die sich in meinen beckenboden eingenistet haben klänge die in meinem hals liegen wie in einer streichholzschachtel eine mundharmonika zwischen augenbraue und kinn die ich nicht lokalisieren kann aber sie ist da in nächten in denen ich nicht schlafen kann.

blinde bilder von fernen ländern und gelbe flecken in meinen retrospektiven erinnerungen die verschwimmen um dann von meinem schlüsselbein abzublättern fernostalgie da wo die böden blühen und die erde rot wie terracotta ist von kapillaren und blut getränkt mein körper ist kein tempel eher ein besetztes haus oder eine ruine.

ödland

Lena Riemer
2002

centimeterweit nur blasser
sand fein durchgesiebt
aufgeschüttet sodass er
bedeckt verdeckt schützt
den roten puls im käfig
den niemand sieht und jeder
ahnt sand durchzogen von
blauen flüssen die am gelenk
der macht ins delta münden
archaische gewalten finden
sich ganz weich vor und wieder
und führen über weiße schluchten
schmal und schmerzbehaftet
spurensuche mutters geschenke
braune punkte sternenbilder
auch himmel auf erden vielleicht
aber eher küsse der sonne so
wie geliebte pigmente die farbe
wechseln veränderung je nach
windstärke hält das treiben
die wüste im wandel

Durst

Ellen Völker
2003

Ich sitze auf der Kante der Badewanne und reiße die Haare von meinen Beinen wie Bäume aus ihren Wurzeln. Der Gletscher in meiner Brust ist nicht mehr so groß wie früher.
Geflüsterte Gefühlsausbrüche unter Bettdecken haben ihn schmelzen lassen. 

Wasser tropft auf meine Füße. 

Der Rauch in meiner Lunge brennt und schmeckt bitter, aber ich traue mich nicht zu husten.
Auf deiner Suche nach Gold hast du meine Knochen brechen lassen. Andächtig betrachtest du die blau grünen Flecken auf meiner verbrannten Haut. 

Du hast schon wieder Durst.

Verstümmelte Gliedmaßen liegen verstreut auf dem Boden, das Quecksilber in ihnen schreit noch immer nach dir. Meine Brust fühlt sich leer an, seit du den Gletscher mitgenommen hast. Ersticktes Schluchzen als deine Abgründe zwischen meinen Beinen beginnen zu vernarben.                                                         

Wasser tropft auf meine Füße.

Ich hoffe, du ertrinkst darin. 

Der Erde Eingeweihte

Ida Weise
2006

Beschattung der Schätzchen von schlacksigen, gekronten Riesen in absurd hoher Zahl. 
absurd hohe Zahlen ohne Thermometer
Mama hat Fieber, glaube ich. 
Beschatter müssen sich in Acht nehmen
oben in ihren Kronen liegt ihr dichter Stolz
keine Panik, es gibt Tabletten. 
zu Risiken und Nebenwirkungen kommen wir gar nicht, fragen sie am besten nicht die, die Mama gut kennen und lesen sie von denen, die um die falschen Kronen fürchten. 
Mama hat uns vieles beigebracht, sie bringt im Sekundentakt Zutaten vorbei. 
wir brechen uns die Köpfe ab und keiner kann sich erinnern an Sie. 
lange hat keiner sie angerufen, jetzt schämt man sich zu sehr
Mama schickt regelmäßig Elixier. 
sie schreibt keine Karten, muss sie auch nicht 
Elixier nehmen wir gerne, aber antworten tut ihr niemand
wir müssten antworten.
mal fragen was los ist, obwohl wir längst weitgehend eingeweiht sind.

Wir gratulieren Alexandra Barth, Rosa Engelhardt, Rosa Lobejäger, Lena Riemer, Ellen Völker und Isa Weise zum lyrix-Monatsgewinn im Mai 2021! Eure sechs Texte haben die Jury überzeugt!

Die Jury hat entschieden!