Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im März 2018

Wettbewerb im März 2018

Herzlichen Glückwunsch an unsere sechs Gewinner*innen zum März-Thema „Im Buch den Daumen die Dame hat“! Inspirationen boten euch die Lyrikerin Odile Kennel mit ihrem Gedicht "wenn ich die Augen schließe, ist der Himmel ein Bagger“ und eine kleine Schafherde aus Beton von Judith Hopf, ausgestellt im Lenbachhaus München.

Verschmelzung

Ruta Dreyer
2002

die fasersuspension meiner trockenen
hände; ein fixpunkt auf dem
papier.in schnellen schüssen die
fibrillen des papiers, manöverartig
verlangen nach meinem verlangen nach ihnen

keine halluzination, eine
realisation. das klängengeschirr als
spiegelbild, verdichtet meine
gesichtszüge: fasse ich
hinein, so fasse ich mich

meine zunge ein nasser
abhörapparat; die zum langsamen
buchstabieren aufgezählten
sprösslinge
führen meinen kopf, ver-
führen mich

fassungslos dann. das langsame
verdauen der einsamen silben.
zügellos und schamlos das papier
zur gestalt werden lassen, zum
konstrukt;

ich und das komplex werden eins

Leseimpressionen aus den Augen eines Pilgers

Selin Eslek
2003

Wandergefühl auf Fingerspitzen abgestriffen in Nichtigkeit. Verschluckt von schwarzen Löchern, agglutinierender Gedanke, gesogen

Schluckumschluck

Aus Augen. Fiebertraum belegt Gesicht.

Linie und Kurve im Kontrast. Geheilt.

Ich. Streife umher. Mäandere durch Steppenweiten, ziehe aus um Sterne zu riechen und ihre Blässe zu fangen.

Ich konstruiere mir eine Rakete aus Mysterien und Tinte. Die Fenster mit Opal verziert. Mein Proviant sind Buchstaben und Brot und Himbeersaft. Ich starte.

Auf Zehn Neun Acht

Und das Raumschiff hebt ab in idyllische Universumsstraßen ohne Ampel oder Zebrastreifen. Allein zerstrahlt von Sternlaternen. Meine Musik ist kopfgemalt. Herzgeführt.

Rhythmus ohne Tempusgrenzen.

Da tanzt. Irgendwo. Mein Planet in der Dunkelheit.

Man sagt, der Weg sei das Ziel und ich schreite hindurch wie ein König. Meine Untertanen sind Kometen. Das Gesetz ist das Buch der Bibliophilie. Mein Raumschiff und ich.

Durchbrechen Satzkonstellationen. Wir grüßen Monde auf unserem Weg und trinken Tee mit Weltraumschrott.

Da ist ein Gummistiefel. Ein grüner. Und Hedwig die kaputte Brille die einst auf der schwitzenden Nase eines Engels hauste. Der Stiefel taucht sein Gebäck in den heißen Tee, das finde ich sehr sympathisch.

Als ich weiterziehe rufen meine Freunde mir Glück hinterher.

Ich fliege und weine Vorfreudetränen als ich meinen Planeten in dr Ferne schimmern sehe.

Durchbreche Wolkendecke um Wolkendecke, zwänge mich durch Himmelsschichten bis die Schwerkraft mich erfasst und mein Raumschiff auf Gewässer zustürzt. Ich mag den Fall. Strecke die Arme gen Himmel. Fühle meine Federn wachsen.

Leuchtend grün im Wind der nach Zitronen duftet.

Ich schwinge mich aus dem fallenden Gefährt, fliege hinaus über die Weiten meines Landes. Unter mir ziehen Felder mit Roggen und Mais und graue Wälder voller Märchen hinweg. Ich sehe blassblaue Seen und ausgedörrte Vulkankrater. Ziehe meine Bahnen um Beständigkeit.

Und irgendwann, dann lande ich auf heißem Felsenstein. Federn zerspringen. Haut schält sich ab. Schicht um Schicht.

Fleisch versengt von Knochengerippe.

Bis übrigbleibt. Ein Herz.

In freier Wortsilhouette.

Und das Buch: prekär

Ada Charlotte Kilfitt
1999

Versagen in Teichen voller Kaffee,
klebrige Ränder an Lippenkrusten
voller Schnee, der war Zucker auf
Waffeln, verschwand wie Puder im
März, auf Eis fallend, über das
schon Wasser geschwappt; sie hörte nicht
was sie las, mit Glasaugen und
leblosen Ohren, die wie (Bleistift-)Minen
zerlöchert waren; wo Stollen und Schacht
sich kreuzten, da küsste sie ihr Gewissen
und klappte den schwitzenden Influencer
zu, der brachte Krankheit, die knibbelnd
auf Gummitasten spielte, und ihre
Tintenfinger, die rubbelten über
Zigarettenpapier, das roch fast wie Honig;
wie das Pochen im Kopf das
Klopfen, des Hausmeisters an der falschen
Klotür, wo sie in der Pfütze saß, und die
Worte auf ihren Arm kritzelte, weil es zu
viele waren; eckige Kästchen, die rundeten
sich, dahinter Worte, Zahlen, nur
Striche eigentlich, da würgte sie sich, in
gelbem Schleim, jede Seite hinunter, weil
sie´s nicht verstand und weil´s kopfüber
war und die Seiten waren gelb, die
stanken! da legte sie´s zur Seite, und die
mühsam gesammelten Worte fielen zu
Boden, rollten unter´s Bett, wo sie sich
zwischen den Müllhaufen versteckten.

Paris 1949/2018

Lea Menges
1997

„Etwas Eigenes müsste man sein,
unabhängig von der Erziehung, voller
Lebenswillen, Mut, klarem Verstand."

Simone de Beauvoir

das Leben beißt wie der Pariser Frost,
die Seele der Welt liegt in Büchern.

Stückchen der deinigen an meiner
Schulter baumelnd.
595 g in meinem Rucksack verleihen deinen
Worten Gewicht.
Bonjour, Simone! Ausstieg Bercy, ich atme

in deinem Geiste Paris, deine Stadt
und das 6e.
den Daumen in Büchern oder auf
Facebook nach oben.
der Kampf ist derselbe, es zählt die Botschaft.

geplatzte Sprechblase, Fruchtwasserflut
aus Worten, die
wachsen. Bücher, eigenständige Wesen
und schon mit
Deckel, also auf Abstand zu Töpfen, zwischen

Metro und Steig, aufpassen beim Aussteigen
so heißt es
heute, hier, in Paris, im Herzen Frankreichs
im Winter, doch
im Kopf schon Frühling, auch Arabisch.

in Paris fällt kein Schnee von gestern.
auch zu Hause bin ich
eine Frau, die schreibt.
À bientôt, Simone.

ich hoch regenschirm

Anna Sophia Merwald
1998

wer
in ausgefallenen windschutzscheiben
treibt sich so spät
auf abgedrehten traktorrädern
durch
an verwaschenen kiesstränden
vergangenes und
in durchweichten vorurteilen
ungeschehenes
?

es ist der schriftsteller mit seinem Ich

er trägt regenschirm und sonst nichts.

suhlt sich fühlt sich
verkühlt
schnieft
er scheidet sich
erledigt sich tollt streunt umher
bis ein strahlendes gewitter
ihn jäh erstarren lässt

befähigt ist er
zum regenschirmhalten

er kann nichts und macht was draus

wort für wort buchstabe für buchstabe bahnt er sich seinen weg
durch kleie fadenschein und widerspenst

er macht die twin tower wieder aufstehen
aber die abstürzenden flieger nicht ungeschehen
er macht dass tränen sich wie schweiß anfühlen
und so den eigenen schmerz abkühlen

er macht die drehende sonne beschwipst
dass sie im wolkenlosen himmel ersifft

er schreibt um zu vergessen
was er sich noch nie merken wollte
er schreibt um zu erleben
wovon die andern immer geschwärmt
er schreibt um zu ertragen
was er nie durchstehen wollte

er nimmt sein ganzes leben
zusammen und sich
auseinander

ihn beflügelt die ohnmacht
er erliegt seiner hoffnung

die glitzernde sonnenkrone blitzt
in das himmelsgleiche schwarzmoor
sternschweiftief stapft rückt stakt
schreitet er rappelt sich auf schreit er

das zwischen den seiten

Anne Magdalena Wejwer
1997

schiller ist doch scheiße
hast du gesagt damals
und zugegeben
es war absurd
sich mit kilometerlangen balladen
über die pubertät
hinweg zu trösten
aber da war sonst nichts
was half

und dann kamst du
schütteltest den kopf über mich
wie man den kopf schüttelt
über kleine kinder
aber ich war kein kleines kind
ich war vierzehn

eine woche später
trafen wir uns wieder
zufällig auf dem gang
aber es war kein zufall
denn du hattest ein buch
in deiner hand
ein ganz anderes und fremdes
eins von denen an denen man
in der buchhandlung vorbeigeht
ohne hinzuschauen
aber es war ein buch
ein buch für mich

und es war als wäre dieses buch
die tür in eine neue welt
und zwischen den leerzeilen
tummelten sich worte
die nur auf mich warteten
worte die blieben auch dann noch
als um mich alles verschwand
und zwischen den seiten
wohnte das gefühl nicht ganz so sehr
allein zu sein

jetzt bin ich erwachsen
und liebe schiller
noch immer
aber manchmal
wenn ich nachts nicht schlafen kann
streiche ich mit den fingern
über die vergilbten worte
und frage mich
was du wohl machst

Wir fragten euch, ob euch Bücher noch interessieren, ihr habt mit Dichtern und Denkerinnen, die ihr bewundert, geantwortet und das ist "keine halluzination, eine / realisation." "À bientôt, Simone", "in Paris fällt kein Schnee von gestern." Der Schriftstell"er nimmt sein ganzes leben / zusammen und sich / auseinander", "die / mühsam gesammelten Worte fielen zu / Boden" und "jetzt bin ich erwachsen / und liebe schiller / noch immer"! Was mag man dem noch hinzufügen? "Strecke die Arme gen Himmel. / Fühle meine Federn wachsen. / Leuchtend grün im Wind der nach Zitronen duftet."

Wir bedanken uns für eure lyrischen Werke im März und gratulieren den sechs Gewinner*innen!