Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im April 2018

Wettbewerb im April 2018

Gratulation an unsere sechs Gewinner*innen zum Thema „Obertonsingen für göttliche Ohren“ aus dem April 2018! Inspiration gab es von Odile Kennels "wenn ich die Augen schließe, ist der Himmel ein Bagger“ und einer kleinen Schafherde aus Beton von Judith Hopf, zu sehen im Lenbachhaus München.

cello spielen

Ruta Dreyer
2002

das cello meiner mutter ist schön
sie fährt mit leichten fingern darüber
und mein trommelfell vibriert
leise hymnen steigen dicht an die muschel

das cello meiner mutter ist betörend
sie lässt es klingen in dumpfen rythmen
ich falle tief in einen schlaf
und schwimme zwischen weichen wänden

das cello meiner mutter ist grausam
es tötet die stille
das schweigen zwischen zwei worten
und den leeren raum im rachen

das cello meiner mutter ist traurig
sie symphoniert ein stück
und sagt das ist über mich doch
ich frage mich was ist dann unter mich

da ist nur luft und kleine schwarze punkte
wie ameisen die krabbeln und wohin
das weiß ich nicht

mit dem cello schwebe ich
mein körper ist frei
er schwingt mit den tönen hoch höher
ich fliege

und meine mutter spielt cello und weint

cOde f(LÜgEL aUF hEIM)

Maria Jahn
2001

Nein ich mag nicht
      die Salami in der Soße
      und die Tränen die
      über meine Nase rollend
           auf das Porzellan ploppen -c

Nein ich mag nicht
      wie der Wahnsinn mir
      entgegen in Augenhöhe
           grölenden Wahn entsinnt -d

Nein ich mag nicht
      wie Türen aus ihren
      Angeln gerissen die
      fetten Brummer erwischen
      und gegen die Rahmen
      in denen Bilder von uns
      mit lautem Lachen und
      Cellos in E-Dur hätten
           sein müssen knallen -e

Nein ich mag nicht
      auch ohne Kopfhörer
      die Welt in E-Moll
      bis in meine Albträume
      in seinen Oktaven
           tief in mir schallen hören - f

Nein ich mag nicht
      Ausflüge dahin wo
      er einst gewesen sei und
      wo ich niemals werden will
           wo die Geier jodeln -g

Nein ich mag nicht
      wenn prasselnde Schauder meinen
      Verstand energetisch finanzieren
           wie er die 101 Lügen unterm Tisch -a
          Ja ich mag nur die Stille
  
      nachdem er einst gegangen war
Als ich den Planeten am Nachthimmel beim Kichern lauschte
                                      -h
                                      /o
                                       p
                                       e
                                      /r

gnielka gnielka

Daniel Kalak
1999

im klammergriff die finger um die maschen
des zauns die nägel tief im fleisch der hände
(das stigma thomas fass) der rücken hohl
sich reckend richtung himmel (gott mein gott)
noch halb im kriechen an den armen hängend
der kopf im nacken blutig leises röcheln
die unbewegten lüfte kaum durchdringend
durchdrungen nur der körper ganz durchlöchert
von blei und schwer wie blei das blut der schweiß
kein bravo von den göttern kein applaus
ein schwarzer vorhang (lema sabachthani)
die zähe luft durchstechend dann der schrei
durchfahrend mark und bein ein riss im vorhang
metallisch schrilles kreischen stöhnen ächzen
ein gurgeln und ein würgen blei und blut
das räderknarzen der maschinerie
zermalmend nicht nur körper sondern menschen
das tote kind die ungebornen enkel
und alle ängste enger noch vermengend
ein obertongesang für gottes ohren
nach südamerika in sein exil
in sein geheimversteck in seinen urlaub
die arie verschallend keine ohren
kein publikum allein der regisseur
verstummt nach vorn gebeugt ambrosisch kotzend
entehrend seine uniform das werkzeug
noch immer in der hand und eine zweite
auf seiner schulter toll gemacht die dritte
und vierte schweigend schreibend im bericht
nur auf der flucht erschossen zu den akten

elternapplaus

Ada Charlotte Kilfitt
1999

da sitzt jeder ton.
ich singe playback –
wenn das orchester verstummt
kann ich nicht mehr
über die bläserbacken kichern.

die lache ich aus, in meinem
überkopf, hinter den chornoten,
sehen aus wie „hühnerdreck
an stacheldrahtzaun".

der silberzopfgeiger,
sich über die weihrauchwolke mokierend,
mit seinem blöden karotaschentuch,
regt mich auf.

wir sind nicht in der kirche, wir sind
in meinem leben, sonntagmorgen,
ich fühle mich verschwendet.
bin nicht sopran, nicht geige,
ich bin

hetero-
nom.

zweiter,
kein auditiver Mensch,
die pop(ulärste) ist älter
zuhause.

„schlimmer als schlager",
diese ungebildeten kinder.
ich würde euch trotzdem gerne mögen,
wenn ich darf.

„how to sing like justin bieber - vocal lessons"
nein danke.
„gesangstraining mit wow-effekt".
pipettierend.

staub.tanz.t trotzdem im
diffundierten sonnenstrahl
lautlos;
ich bin kein kastratensänger.

klick.
kehlgesang.
for fanden - ?

das ist wie orgasmus.ik
das höre ich lieber mit
kopfhörern.

nächstes.

overtone singing.
echte kunst.
könnte es nicht.
klingt wie der
schrotthändler.

Wenn die Erde singt

Melis Ntente
1999

der Mixer schlitzt die Avocado lauthals man hört
in Mexiko keinen Bauer die Axt heben
es plantscht kein Pestizid im Trinkwasser
wenn das Rindvieh furzt drosselt es den Himmel
warum regnet kein Barbecue wenn wir grillen?
der Nordpol erkrankt an Fieber keiner verschreibt ein Attest
wenn Eisbären von Flossen träumen ist es nicht grotesk
Weltmeere tosen und peitschen auf ihnen Plastikschiffe die reiten
Fische ertrinken auf der anderen Seite jemand der Ölblumen
mit Kinderblut begießt in Strömen fließt faules Geld
uns betrifft das nicht wir schlürfen kalte Mandelmilch wir
wissen nichts vom Bienentransport - das Unwort des Jahrtausends:
apathischer Massenmord
uns betrifft das nicht unser Planet schmeißt ein Konzert - ausverkauft -
die Zuhörer sind taub
und stehen auf

Muttertagsgedicht

Lara Zoe Ritter
1999

Frühling

Dich trifft der Schrei
den die Wände zurückwerfen
weil ich zwischen deinen Beinen
und dann in deinen Händen
kreischend
als wüsste ich
wie die Erde sich dreht
mein Mund schlägt seine Leinen
und seine Stimme
durch
den Raum
Mama
du keuchst mit mir
weil du den Anfang
weißt.

Sommer

Wenn Kuckuckshymnen
den Sommer pfeifen
lausch ich
polternden Polkaplatten
die hört' ich dich nie
auf Spielplätzen singen
wo meine Haare
in der Schaukel
hingen
losgelöst
hab ich mich
die Welt an meine
Brust und einen Kuss
auf deine Wange gedrückt
bevor ich
ausgerissen bin.

Herbst

Wir schreien uns
an und ich
die Frühlingsblumen
wenn sie sich verstecken
wo bist du gewesen
fragst du
mich
als wüsste ich das
mit einem Unterton
so schief
wie die Falten
um deine Telleraugen:
fast will ich das flüstern
doch bin selbst alt
weil meine Sätze
sind rau
von Nirvananächten
in denen wir unsere
Jugend
in Papier einrollen
anzünden
einen Zug nehmen
und in die Ferne
pusten.

Winter

Wir haben zu lange
getost und getobt
weil wenn deine Worte
sich überschlagen
trampeln
meine deine
zu Tode
die der Tag
wenn er deine Segel
stürmt
und dir die Stimmbänder
schneidet
sie in ordentlichen Streifen
zur Schleife
um deinen Hals
schnürt
in seinen Händen
ächzen
und dein Stimmorgan
verstummen lässt,
es

Neujahr

zerplatzt
wie mein Heißluftballon.
Ich kratze seine Reste
von den Wänden
es quietscht
noch leicht
wenn ich es von der Tapete
schäle
zurück in deinen Hals
stopfe
anfangs
kriegst du kein Wort
aus dem Mund bis ich sie dir
aus der Nase ziehe
und in einem Glas
Wein bade
in das wir unsere
Zungen tauchen
die kurz vorm
Ersaufen
sich wieder Lieder
singen.

Im April klackte, jaulte, tostete und klimperte es - und ihr habt dazu eure eigenen Symphonien geschrieben! Mütter spielten Cello, Geier jodelten, es gab Playback und Kuckuckshymnen, die Erde sang...und Götter applaudierten nicht.

"Als ich den Planeten am Nachthimmel beim Kichern lauschte / -h /o p e /r", "lausch ich / polternden Polkaplatten", "da sitzt jeder ton. / ich singe playback - ", "mein trommelfell vibriert" steigen "leise hymnen [...] dicht an die muschel". "kein bravo von den göttern kein applaus / ein schwarzer vorhang". "uns betrifft das nicht unser Planet schmeißt ein Konzert - ausverkauft - / die Zuhörer sind taub / und stehen auf".

Vielen Dank für eure Texte im April und herzlichen Glückwunsch an die sechs Gewinner*innen!