Monatsthemen

und Gewinner*innen

Ungefähr so begann das Tauschen

Lyrik einreichen Was ist lyrix? Wettbewerbsbedingungen

Wettbewerb im April 2021

"Familien als Co-Working Spaces", "staatlich finanziertes social freezing", "ein Anti-Tinder für platonische Leihfreunde": Im April wagen wir einen weiten Blick nach vorn. Wie sieht die Zukunft unserer Gesellschaft aus? Welche Mega-Trends werden uns und unser Leben bestimmen? Inspiration kommt in diesem Monat von Karla Reimert und ihrem Gedicht "Oui share", in dem sie Bilder einer möglichen zukünftigen Realität spinnt. Wir freuen uns auf eure Zukunftsgedichte und wünschen euch viel Spaß beim Entwerfen eurer Zukunftsbilder!

Oui share

Karla Reimert

Erst flog ich aus der Company. Dann flog die Company aus mir.
Mit letzten Brotjobs baute ich nordische Biobäckereien auf.

Familien als Co-Working Spaces, Börsen für aufpolierte Eltern,
staatlich finanziertes social freezing, Freelancer-Frühstücks mit

Hochleistungs-Sperma aus dänischen Datenbanken.
Und natürlich ein Anti-Tinder für platonische Leihfreunde.

Sich selbst beim Aussterben zusehen,
war als Partyspaß fast so gut wie echter Sex.

Gesucht war eine klimafreundliche Perspektive auf Kinder.
Ungefähr so begann das Tauschen der tangible goods.

Die Technik versprach wunderbar veganes Breitband,
Schwärme von optimierten Kunden in jedem Segment.

Die Frage nach dem gesellschaftlichen Status
von Roboterkollegen blieb unentschieden.

Ohnmachtsgefühle auf Leitungsebene, Machtphantasien
ehemals privilegierter Gruppen,

und nicht überall war der Zerfall der Zivilisation
ästhetisch schon so kompetent wie in Detroit.

Einmal im Monat traf ich mich zum kreativen Sprint.
So hieß, was von der Arbeit noch übrig war.

Den Rest der Zeit ging ich in schwedischen Schären
mit freigelassenen Lachsen baden.

Leuchtende Neoprenanzüge,
in der Pantone-Farbe living corals.

 

aus: Karla Reimert, Camp Zenith, kookbooks 2020

Schon im März ging es bei lyrix um das Großwerden, persönliche Zukunftsvorstellungen und Ängste um das vermeintliche In oder Out-Sein. Im April spannen wir den Bogen noch etwas weiter: Jetzt geht es um die Zukunft aller. Weitreichende gesellschaftliche Strömungen und Veränderungen, sogenannte Mega-Trends, werden in Karla Reimerts Text „Oui share“ behandelt. In ihrem Zukunftsgedicht erschafft sie in einem Verfahren, das sie selbst „größtmöglicher Kontrast“ nennt, Bilder unserer zukünftigen Realität. Ob das Arbeits- und Privatleben, das sie hier poetisch verarbeitet, wahr werden wird oder nur dystopische Vorstellung bleibt, können wir jetzt noch nicht wissen. Vielleicht verabreden wir uns und lesen ihr Gedicht in zwanzig Jahren noch einmal?

Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache
Wortverlaufskurven

Karla Reimert hat sich für ihr Gedicht von sogenannten „Future-Maps“ inspirieren lassen. Sie visualisieren die oben genannten Mega-Trends nach dem Prinzip einer Mind Map. Schaut man sich die Dimensionen, Vernetzungen und Überschneidungen der Mega-Trends an, zeigt sich die Komplexität der beschriebenen Veränderungsprozesse.

Auch sprachlich lohnt sich unter diesem Aspekt ein genauer Blick auf Karla Reimerts Gedicht. Welche Wortfelder benutzt sie? Wie spielt sie mit Anglizismen usw.? Ziemlich spannend im Zusammenhang mit Zukunftsentwürfen ist es auch, sich die Häufigkeit, mit der ein bestimmtes Wort im Laufe der Zeit verwendet wird, anzuschauen. Genau dies könnt ihr auf der Website des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache tun. Ihr könnt euch für ein Wort eurer Wahl eine Wortverlaufskurve ausgeben lassen. Vielleicht habt ihr Lust, damit als Vorbereitung für eure Gedichte etwas herumzuspielen?

dwds.de

dwds.de/d/ressources#wortverlauf

Schickt uns im April eure Texte zum Thema "Ungefähr so begann das Tauschen"! Entwerft Zukunftsgedichte. Spielt mit Bildern zukünftiger Lebens- und Arbeitswelten. Wie sieht eure Zukunftsprognose aus? Und welche Auswirkungen hat sie auf eure eigene, ganz persönliche Zukunft?

Karla Reimert
Geboren 1972 in Berlin. Studium der vergleichenden Literaturwissenschaften in Berlin, seit 2000 Gründerin und Vorstand beim Netzwerk KOOK e.V.. Autorin, Lyrikvermittlerin, Organisatorin des Bereiches der Poetischen Bildung/Partizipation im Haus für Poesie. Mitgründerin des Netzwerk Lyrik e.V. Für ihre Texte erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Würth-Preis, den Preis des Autorinnenforums Rheinsberg und den Essaypreis der japanischen Botschaften. 2003 erschien „Kafka für Eilige“ im Aufbau-Taschenbuchverlag, Berlin, 2008 die Neutextung der Kulturleiste des „Geo-Brockhauses“, 2014 "Picknick mit schwarzen Bienen" bei kookbooks und 2021 „Camp Zenith“ bei kookbooks. Von der Literaturwerkstatt Berlin wurde „Picknick mit schwarzen Bienen“ als „Gedichtdebut des Jahres“ ausgezeichnet.

Lyrik einreichen Was ist lyrix? Wettbewerbsbedingungen