Monatsthemen

und Gewinner*innen

als gäbe es schnee nicht

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Wettbewerb im August 2020

Nico Bleutge

öffne die tür, mit ihrem mürben klingen

sieh dir den innendunst an

ein raum wie ausgemalt von ideen

der himmel nach oben geträumte tiefe, eine ferne

ahnung von grundlawinen, ständiges

wachsen und schichten von erde, denk an den

landweg, schau wie vom meer dort hinein, man baute

an einem korallenstock, von vielen stellen zugleich

stießen sie vor, schaltkreise, schleusen von licht

hatten die alten massen durch-

brochen, räume wie glas, mit ihrem kurzen

strahlen, als wäre nicht tag, als gäbe es schnee nicht

und lungen, keine strömung, stau. folge den trupps

auf dem weg nach unten, jedes ding bewegte sich

mit seinem eigenen drang, ein öffnen von schächten

buchten, gespür für veränderte routen. denk wie

der tonsand, fern in der ahnung von muschelschichten

denk wie muskeln und kalk, zelle um zelle

baute sich an, traum von geweben, häuten, wo du hinein-

gehst, siehst du nicht mehr hinaus, als wäre alles mit allem

verbunden, virus der weltpost, nicht mehr grund und keine

nacht in gedanken, ständig im kreisen, wachsender stoff

der sich trug, vom atlantischen wasser umfaßt, nach dem erdmüden

meer geschlossen, als wäre es sand, als würde das licht sich

verstärken, wege wie luft in den raum zeichnen

 

 

 

(aus dem Zyklus "nachts leuchten die Schiffe", erschienen im gleichnamigen Gedichtband, C.H. Beck 2018)

Unser Monatsgedicht im August ist ein Auszug aus Nico Bleutges Gedichtband „nachts leuchten die schiffe“. Im Text mischen sich Naturbeschreibungen und Sinneseindrücke, Gesehenes, Gespürtes. Wahrnehmungen und Gedanken folgen dicht an dicht. Dabei lassen sie sich nicht klar deuten: Nico Bleutge erzählt keine Geschichte, er liefert keine zusammenhängende Beschreibung der Wirklichkeit. Vielmehr bewegt er sich in einprägsamen, sinnlichen Bildern: Geräusche, Beobachtungen, Raumempfindungen, Licht. Wir werden beim Lesen in seine Lyrik hineingesogen, wobei unsere eigenen Erinnerungen und inneren Bildwelten geweckt werden.

Bedeutungen bleiben eher spürbar als lesbar. Dabei fließen die Zeilen und erzeugen einen Rhythmus, in dem auch der Klang immer bedeutsam ist – unten findet ihr ein Video, in dem Nico Bleutge seinen Text vorträgt. Aber lest das Gedicht auch ruhig selbst mal laut und achtet auf den Klang und die Betonung einzelner Worte und Silben. So frei und spontan der Textfluß wirkt, er ist doch sehr sorgsam komponiert und frei von Zufälligkeiten. Mit seinem Gespür für Sprache, ihren Klang und ihre Mehrdeutigkeit schafft Nico Bleutge Stimmungs- und Gedankenräume, die sich bei jedem Lesen anders öffnen.

Zu was inspiriert euch der Text? Prägen sich euch einzelne Bilder, Stimmungen oder Bedeutungsfetzen besonders ein? Schreibt uns eigene Gedichte, vielleicht geben euch dabei auch die Schreibimpulse im Video unten Inspiration!

lyrix trägt vor: Nico Bleutge - ohne Titel (öffne die tür...):

 

 

Schreibimpulse von und mit Nico Bleutge:

Nico Bleutge: wurde 1972 in München geboren. Seit 2001 arbeitet er als Freier Autor (Lyrik, Essayistik, Literaturkritik). Nico Bleutge unterrichtete am Studio Literatur und Theater der Universität Tübingen und an der Bayerischen Akademie des Schreibens. Er erhielt u.a. den Erich-Fried-Preis (2012), den Kranichsteiner Literaturpreis (2017) und das Stipendium der Villa Massimo in Rom (2018/2019). Zuletzt veröffentlichte er den Gedichtband nachts leuchten die schiffe (C.H. Beck 2017) und den Essayband Drei Fliegen (C.H. Beck 2020).

Unser Kooperationsmuseum im August: Das Museum in der Kulturbrauerei Berlin

Das Exponat zum Monatsthema ist kein Kunstwerk, sondern ein Gebrauchsgegenstand. Er stammt aus der Dauerausstellung „Alltag in der DDR“ im Museum der Kulturbrauerei in Berlin. Es handelt sich um ein praktisches Autodachzelt, das das Reisen in der DDR revolutionierte:

(Text T. Bauer/Museum): „Einen Zeltplatz zu finden, war in der DDR mit viel bürokratischem Aufwand verbunden: Bereits Wochen vor der eigentlichen Reise mussten Urlauber bei der Zentralen Campingplatzvermittlung einen Antrag einreichen. Nicht alle bekamen einen Platz. Die strenge Reglementierung rief mitunter außergewöhnlichen Erfindergeist hervor: Aus der Not heraus entwickelte der Schlosser Gerhard Müller 1976 das Autodachzelt und ermöglichte damit ostdeutschen Campingliebhabern erstmals eine unabhängigere Urlaubsgestaltung. Dem harten Wettbewerb nach der Wiedervereinigung hielt der Familienbetrieb jedoch nicht Stand – trotz Fangemeinde musste Gerhard Müller seinen Betrieb im Sommer 1990 schließen. Knapp 1.800 Dachzelte hatten bis zu diesem Zeitpunkt seine Werkstatt verlassen.“

Gerhard Müller, Autodachzelt, 1976, Foto: Stiftung Haus der Geschichte / Stephan Klonk

Das Museum in der Kulturbrauerei

Die Dauerausstellung Alltag in der DDR im Museum in der Kulturbrauerei zeigt das Leben der Ostdeutschen in den 1970er und 1980er Jahren im Betrieb, in der Öffentlichkeit und im Privaten. Besucherinnen und Besucher erfahren hier, wie das SED-Regime den Alltag prägte, wie die Menschen mit Mangel und Grenzen umgingen und wo sie Freiräume fanden. Anhand zahlreicher Original-Objekte in verschiedenen Themenräumen erzählt das Museum über Freizeit und Improvisation, den Wohnungsbau und das Arbeitsleben in der Diktatur. Alltagsgegenstände werden durch historische Dokumente, Zeitzeugen-Berichte und zeitgenössisches Filmmaterial ergänzt, um den DDR-Alltag aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten. (Text Museum)

www.hdg.de/museum-in-der-kulturbrauerei

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