Monatsthemen

und Gewinner

ich gehe durch meine stadt und es ist nicht meine stadt durch die ich gehe

Lyrik einreichen Was ist lyrix? Wettbewerbsbedingungen

Wettbewerb im August 2019

Was haben Singvögel mit dem Gefühl zu tun, dass meine Stadt nicht mehr meine Stadt ist? Lest nach, was es mit unserem Monatsthema im August auf sich hat und schickt uns eure Gedichte dazu. Wir freuen uns! Inspiration liefert euch Arne Rautenberg mit seinem Gedicht „die vogeluhr. sonnenaufgang 4.30 uhr. mitte mai.“ und das Gemälde eines Vogelhäuschens von Peter Doig aus der Kunsthalle zu Kiel.

die vogeluhr. sonnenaufgang 4.30 uhr. mitte mai.

Arne Rautenberg

3.00 uhr (gartenrotschwanz): die geschichte deines vaters
ist tief in die erde vergraben. 
3.10 uhr (rotkehlchen): man wird diese erde dir ausheben.
3.15 uhr(amsel): alle die du jemals geliebt hast sind dahin 
gegangen wo es sie nicht mehr gibt. 
3.20 uhr (zaunkönig): und die blitzlichter die kurz 
in deinen augen nachleuchten grinsen sich eins. 
3.30 (kuckuck): und die lieben sternlein 
summen wirkönnenwirkönnenwirkönnenesdirnichtgeben – 
3.40 (kohlmeise): hinter dem sturm ist ein sturm. 
3.50 (zilpzalp): hinter dem stern ist ein stern. 
4.00 (buchfink): ich gehe durch meine stadt und es ist 
nicht meine stadt durch die ich gehe. 
4.20 (haussperling): ich denke mich und ich bin es nicht der mich denkt. 
4.40 (star): der winter der mir den schlaf bettet
in den ich meinen schlaf bette.  

als weckreiz für vögel dient ein bestimmer grad der helligkeit. dieser 
helligkeitsgrad ist für jede singvogelart so genau bestimmbar, dass 
man sich im frühjahr vom ruf eines singvogels wecken lassen kann.    

 

(aus: Arne Rautenberg, gebrochene naturen, luxbooks 2009) 

Ein Vogelstimmenkonzert am frühen Morgen: Fast protokollhaft hält Arne Rautenberg in seinem Text „die vogeluhr“ fest, wann welcher Vogel Mitte Mai zu singen beginnt. Und er beendet sein Gedicht mit einer naturwissenschaftlichen Erklärung, die so auch in einem Biologiebuch stehen könnte. Im Gegensatz zu der nüchternen Auflistung stehen die Gedankenfetzen, die sich hinter jeder Uhrzeit und Vogelart finden. Teile eines inneren Monologs der/s Sprecherin/s, die/der anscheinend schon wach ist zu diesen frühen Morgenstunden. Oder vielleicht noch schläft und träumt? Wenn um 4.00 Uhr der Buchfink singt, stellt der Sprecher fest: “ich gehe durch meine stadt und es ist / nicht meine stadt durch die ich gehe.“

Wem gehört dann diese Stadt? Und was hat dazu geführt, dass sich das lyrische Ich in ihr fremd fühlt?

Wandert im August gedanklich – oder ganz real – durch eure Stadt. Ist es noch „eure“ Stadt? Wie passt es zusammen, dass man durch seine Stadt geht und sie doch nicht als die eigene Stadt wahrnimmt? Was hat zu diesem Gefühl der Entfremdung geführt? Vielleicht ein Erlebnis, eine Entwicklung, eine Veränderung in einem selbst? Oder sind es Ereignisse von außen, Probleme wie hohe Mieten, knapper Wohnraum, Kriminalität, Umweltbelastung?

Wir freuen uns auf eure Gedichte und wünschen euch schöne Sommertage!

Arne Rautenberg
Arne Rautenberg, geboren 1967 in Kiel, studierte Kunstgeschichte, Neuere Deutsche 
Literaturwissenschaft und Volkskunde. Seit 2000 lebt er als freier Schriftsteller und Künstler in seiner Geburtsstadt. Viele seiner Gedichte sind in Schulbücher aufgenommen worden. 2013 verlieh ihm die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel die Liliencron-Dozentur für Lyrik. 2016 erhielt Arne 
Rautenberg mit dem Josef-Guggenmos-Preis den ersten Preis für Kinderlyrik, der je in Deutschland vergeben wurde. 2017 wurde er in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung gewählt. Zuletzt erschienen seine Gedichtbände „permafrost“ (Verlag Das Wunderhorn 2019) und „vier kerzen drei könige zwei augen ein stern – 24 Weihnachtsgedichte“ (Peter Hammer Verlag 2019).

lyrix zu Gast im Museum
Zu unserem aktuellen Monatsthema wird Arne Rautenberg im August eine Schreibwerkstatt in der Kunsthalle zu Kiel für Schüler*innen aus der Region ausrichten. Inspiriert von seinem Gedicht „die vogeluhr. sonnenaufgang 4.30 uhr. mitte mai.“ hat die Kunsthalle ein Gemälde von Peter Doig ausgewählt, das ein Vogelhäuschen zeigt – dieses Mal nicht analog zum Gedicht im Frühling, sondern im tiefsten Winter

 

 

Peter Doig
Bird-House
1995
Öl auf Leinwand
242 x 198 cm

[…] Ein Vogelhäuschen hängt versteckt in den Zweigen eines niedrigen Baumes, der in der Mitte eines verschneiten Gartens wächst. Der Baum ist von mit Altschnee bedecktem Rasen umgeben, der in seinem grellen Weiß und den vielen bläulichen Farbschattierungen an eine zugefrorene Wasserfläche erinnert und dadurch einen scharfen Kontrast zum dunklen Hintergrund bildet sowie dem Adern anmutenden Geflecht der Äste, das das gesamt obere Drittel des Bildraums füllt. Dazwischen hat Peter Doig große farbige Tupfen gesetzt, die eine weihnachtliche Lichterkette andeutet.

Auffällig ist das dicke rote Elektrokabel, das, vom unteren Bildrand überschnitten, einmal um den Stamm geschlungen und schließlich bis an das dick verschneite Vogelhäuschen herangeführt wird. […] Das Foto, das Bird-House zugrunde liegt, hat Peter Doig nachts mit Blitzlicht aufgenommen, um das Weiß des Schnees in gleißendes Licht zu tauchen und eine spezielle, unwirkliche und kontrastreiche Stimmung zu erzielen. […]

(aus: Kunsthalle zu Kiel. Die Sammlung, Hrsg. Dirk Luckow, 2007, S.506)

Kunsthalle zu Kiel
Die Kunsthalle ist Museum mit eigener Sammlung und Ausstellungshalle sowie ein Universitätsinstitut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Das 1909 eingeweihte Haus ist zudem Sitz des 1843 gegründeten Schleswig-Holsteinischen Kunstvereins und dessen Sammlung. Ihre Multifunktionalität macht die Kunsthalle zu einem außergewöhnlichen Ort. Die Sammlung der Kunsthalle zu Kiel umfasst Gemälde, Skulpturen, Grafiken und Objekte aus 600 Jahren mit Schwerpunkten im 19. und 20. Jahrhundert. Zusätzlich zu wechselnden Sammlungspräsentationen vermitteln thematische und monografische Sonderausstellungen einen weiteren Blick auf die aktuelle internationale Kunstszene. 

kunsthalle-kiel.de

 

 

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