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und Gewinner*innen

WAS MAN MUSS

Wettbewerb im Februar 2021

Der Februar steht bei lyrix ganz im Zeichen digitaler Lyrik. Hannes Bajohr lädt euch mit seinem Gedicht „WAS MAN MUSS (MANAGEMENTKORPUS)“ zum Experimentieren mit Sprache ein. Dazu stellt er euch nicht nur sein Gedicht, sondern auch vier digitale Verfahren vor, mit denen ihr Sprachmaterial zerlegen, sortieren und neu ordnen könnt. Probiert sie aus und schickt uns im Februar eure Ergebnisse – eure digitale Lyrik! Wir sind gespannt und wünschen euch viel Spaß beim Ausprobieren!

WAS MAN MUSS (MANAGEMENTKORPUS)

Hannes Bajohr

Sie müssen tough sein.
Sie müssen ehrlich sein.
Sie müssen es nur wollen.
Sie müssen emotional sein.
Sie müssen sich entscheiden!
Sie müssen nur originell sein.
Sie müssen nett und tough sein.
Sie müssen ihr Vertrauen gewinnen.
Sie müssen auswählen und gewichten.
Sie müssen Ihren Rubikon überschreiten.
Sie müssen realistisch erreichbar sein.
Sie müssen sich ihr Geld erst verdienen.
Sie müssen daran arbeiten, damit es anhält.
Sie müssen physisch und psychisch fit sein.
Sie müssen es tun, ob Sie wollen oder nicht.
Sie müssen die Fragesteller konsequent führen.
Sie müssen Ihre Zuhörer zusätzlich motivieren.
Sie müssen sich nicht für eine Absage entschuldigen.
Sie müssen vor Ihrem Vortrag immer auf die Toilette?
Sie müssen Ihre Gedanken während des Sprechens entwickeln.
Sie müssen nicht Krebs heilen können, um Wert zu vermitteln.
Sie müssen kein Wissenschaftler sein, um all das zu verstehen.
Sie müssen nicht lange überlegen, planen oder um die Ecke denken.
Sie müssen am härtesten daran arbeiten, nicht zu hell zu strahlen.
Sie müssen es wollen und Sie müssen daran arbeiten, damit es anhält.
Sie müssen Ihren Vorgesetzten nicht zu einem anderen Menschen machen.
Sie müssen ja niemand anderem gegenüber darüber Rechenschaft ablegen.
Sie müssen Sie spielen, wie ein Schauspieler auf der Bühne Hamlet spielt.
Sie müssen einerseits genau beobachten und andererseits klug kombinieren.
Sie müssen jede Gelegenheit ergreifen, Arbeitgebern den Beweis zu liefern.
Sie müssen ihn davon überzeugen, dass Sie das gesuchte 3G-Mindset besitzen.
Sie müssen im Job ja nicht mit jedem befreundet sein, mit dem Sie arbeiten.
Sie müssen kein Hypernetzwerker sein, um ein Meister des Netzwerks zu werden.
Sie müssen nur noch ausformulieren und nicht mehr von Neuem Inhalte entwickeln.
Sie müssen also von allem, was Sie dort tun und sagen, innerlich überzeugt sein.
Sie müssen kein Sprachkünstler sein, um kräftige sprachliche Bilder zu erzeugen.
Sie müssen noch nicht jedes Argument und jedes Faktum vollständig ausformulieren.
Sie müssen eine quantitativ und qualitativ adäquate dynamische Stabilität aufweisen.
Sie müssen keine Energie aufwenden, um täglich von neuem Ihrer Rolle gerecht zu werden.
Sie müssen auch Ihr Dasein vor sich selbst nicht begründen, geschweige denn rechtfertigen.
Sie müssen fürchten, dass Ihre Mittelmäßigkeit irgendwann durch einen Besseren offenbar wird. Sie müssen wissen, was von Ihnen erwartet wird und wie Sie diese Erwartungen erfüllen können. Sie müssen Ihre Mindset-Eigenschaften nutzen, um vom Netzwerker zum Supervernetzer zu werden.
Sie müssen sich von dem Stapel der anderen Lebensläufe abheben – oder das Spiel ist gelaufen. Sie müssen nicht auf guten Stil, Grammatik, Zeichensetzung, Satzbau und vollständige Sätze achten.
Sie müssen hohe Vorgaben und strategische Richtungswechsel, die von oben kommen, umsetzen und erfüllen.
Sie müssen ja nicht gleich Architekt, Ingenieur, Maler, Mechaniker, Naturforscher und Philosoph werden.
Sie müssen das aufschreiben, was korrekt ist und der Realität entspricht, und nicht das, was Sie sich wünschen.
Sie müssen wissen, wer Ihre Zielgruppe ist, um Ihre Informationen und Argumente möglichst genau darauf abzustimmen.
Sie müssen in einem Meeting oder auf einer Konferenz ein kurzes Statement über sich selbst oder Ihre Tätigkeit abgeben.
Sie müssen Ihr Leben, alles, was Sie bisher getan haben, Ihre kompletten Pläne und Ziele ändern – oder Sie werden sterben.

 

[Mit »Sie müssen ...« beginnende Sätze von maximal 140 Zeichen Länge mit CasualConc 1.9.7. ausgegeben und 
mit textmechanic.com nach Länge sortiert; das Korpus bestand aus folgenden Büchern: Martin-Niels Der, Der Karriereführerschein. Erfolgstipps für alle, die anfangen zu arbeiten, Frankfurt am Main: Campus 2011; Martin Dall, Die Rhetorische Kraftklammer. Überzeugen mit starken Reden und prägnanten Wortmeldungen, Wien: Linde 2012; Peter Gräser, Führen lernen. Der Weg zur Führungskompetenz und zur persönlichen Karriere-Strategie, Wiesbaden: Springer Gabler 2013; Alexander Groth, Führungsstark in alle Richtungen. 360-Grad-Leadership für das mittlere Management, Frankfurt/New York: Campus 2008; Jochen Mai, Die Karrierebibel. Definitiv alles, was Sie für Ihren beruflichen Erfolg wissen müssen, München: dtv 2008; Edward Russell-Walling, 50 Schlüsselideen Management, Heidelberg: Spektrum 2011; James Reed/Paul G. Stolz, Wie Sie in jedem Beruf erfolgreich werden. Die Formel für Ihre Karriere, München: Redline 2013; Ulrike Scheuermann, Wer reden kann, macht Eindruck – wer schreiben kann, macht Karriere. Das Schreibfitnessprogramm für mehr Erfolg im Job, Wien: Linde 2013.]

 

TEXTAUSZUG AUS: HANNES BAJOHR, HALBZEUG. TEXTVERARBEITUNG. © SUHRKAMP VERLAG BERLIN 2018.

Digitale Lyrik nennt Hannes Bajohr das, was er schreibt. Für ihn ist Sprache Material, mit dem er gerne experimentiert. Dazu wendet er verschiedene digitale Verfahren an, um vorhandenes Sprachmaterial mittels eines Veränderungsprozesses in neue Texte zu überführen. Nicht selten überrascht das Ergebnis!

Aber wie genau kann so etwas aussehen? Unter seinem für lyrix ausgewählten Text „WAS MAN MUSS (MANAGEMENTKORPUS)“ beschreibt Hannes Bajohr detailliert, welches Verfahren er für sein Gedicht angewendet hat. Häufig wählt er vorhandene Texte aus und verändert sie, indem er sie ähnlich eines Versuchsaufbaus einer bestimmten Regel unterzieht. Welche Regeln dies sein können und welche Programme er nutzt, stellt er uns im Folgenden in vier Schreibimpulsen vor:

 

1. Automatengedichte
Hannes Bajohr stellt auf seiner Website ein kleines Programm zur Verfügung, das er programmiert hat: Den Automatengedichtautomat. Hier könnt ihr Textmaterial eingeben, bestimmte Parameter, wie „Text zufällig halbieren“ auswählen, und euch aus dem Ergebnis einen neuen Text bauen.
hannesbajohr.de/automatengedichtautomat/

 

2. Synonymgedichte mit Word
Probiert doch mal die Synonym-Funktion in Word aus. Einfach ein Gedicht in Word kopieren und für jedes Wort ein Synonym heraussuchen. Das könnt ihr mit eigenen, aber auch mit fremden Gedichten machen.

 

3. Konkordanzen und n-Gramme
Unter Konkordanzen versteht man in den Textwissenschaften alphabetisch geordnete Listen der wichtigsten Wörter, die in einem Textkorpus verwendet werden. Solche Listen könnt ihr euch zum Beispiel mit den Tools CasualConc (Mac) oder Wordsmith (Windows) ausgeben lassen. Dort könnt ihr euch auch n-Gramme, die Ergebnisse der Zerlegung eines Textes in Fragmente, anzeigen lassen. Das Programm zählt die Häufigkeit von Wörtern in einem Textkorpus, also zum Beispiel bei 2- oder 3-Grammen die zwei oder drei häufigsten aufeinanderfolgenden Wörter in einem Korpus.

 

4. Sortieren
Die Methode, die Hannes Bajohr auch für „WAS MAN MUSS (MANAGEMENTKORPUS)“ genutzt hat, lässt sich mit Seiten wie textmechanic.com oder manipulist.com umsetzen. Hier findet ihr Werkzeuge, mit denen sich Text zum Beispiel alphabetisch oder der Länge nach sortieren lässt.

 

Hannes Bajohrs Schreibimpulse könnt ihr euch noch einmal ausführlich in einem Video anschauen, das er für euch aufgenommen hat. Ebenso könnt ihr euch im Folgenden sein Gedicht "WAS MAN MUSS (MANAGEMENTKORPUS)", das er für euch eingesprochen hat, anhören.

Habt ihr Lust bekommen, eure eigene digitale Lyrik zu erstellen und zu verfassen? Sucht euch Texte aus, eure eigenen oder fremde, und bearbeitet sie mit einem digitalen Verfahren. Beschreibt, was ihr mit euren Texten gemacht habt. Wir sind sehr gespannt auf eure sprachlichen Experimente und freuen uns auf eure Einsendungen im Februar zum Thema „WAS MAN MUSS“!

Videos
Lesung Gedicht und Schreibimpulse

von und mit Hannes Bajohr

Hannes Bajohr, geboren 1984 in Berlin-Friedrichshain, schreibt Lyrik, Prosa, Essays und akademische Texte. Er studierte Philosophie sowie Geschichte und Germanistik in Berlin und New York und wurde mit einer Arbeit über Hans Blumenbergs Sprachtheorie an der Columbia University promoviert. Derzeit ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Medienwissenschaft der Universität Basel. Zusammen mit Gregor Weichbrodt betreibt er 0x0a, ein Textkollektiv für digitale konzeptuelle Literatur. Zuletzt erschien dort Poetisch Denken, eine vierbändige Sammlung von KI-generieren neuen Gedichten von Monika Rinck, Jan Wagner, Ann Cotten und Steffen Popp. 2018 erschien der Lyrikband Halbzeug. Textverarbeitung im Suhrkamp Verlag. hannesbajohr.de | 0x0a.li