Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner*innen im Dezember 2019

Wettbewerb im Dezember 2019

„nur ein Gedankenstrich, der den Schwung ihrer Braue mitgenommen hat“ lautete das letzte Monatsthema im Jahr 2019. In dem Gedicht „Das Leben meiner Großmutter war trocken bis hart“, aus dem diese Zeile stammt, reflektiert die Lyrikerin Miedya Mahmod Facetten ihrer Familiengeschichte. Es hat euch inspiriert zu eigenen poetischen und sehr persönlichen Einblicken in familiäre Beziehungsgeflechte, die Kommunikation zwischen Generationen und die Suche nach der eigenen Rolle inmitten von Großeltern, Eltern, älteren Brüdern und Schwesterherzen. Bildreich und in großer sprachlicher Vielfalt erzählen eure Beiträge von lebendigen und verblassenden Erinnerungen, von offenen und verborgenen Konflikten, von Schmerz und Verlust, aber auch von Zuneigung und festen Banden.

blindgänger

Rosa Engelhardt
2001

in der nacht in der bruder sein gesicht verlor war der himmel besonders hell 
wir hatten uns nicht viel zu sagen, ich stand abseits 
und er versuchte die luft fernzuhalten 
bruder hatte geschickte hände, er konnte es gut 
es roch nach qualm und zunder, 
bruder mochte das, er kannte den rauch 
hatte dieser doch einen festen platz in seinem jackenfutter 
vater stand abseits, er sah uns nicht zu 
bruder hatte schon viel in die luft gejagt 

das kartenlesen lehrte mich bruder 
früher blätterten wir gemeinsam in atlanten, schauten auf 
linien und kreise die menschen orte nannten und jeden morgen 
beim ersten blick aus dem fenster sahen, so fern waren sie
bruder war immer besser als ich, doch nun lese ich viel in dem was er verlor 
oft stelle ich mir vor die wülste seiner wangen entlangzufahren, die seine mimik ersetzten 
die umstülpungen seiner haut zu spüren unter den fingern und die kleinen knubbel 
es wäre als würde man seine hand auf eine landschaft legen 
ist er glücklich, kräuseln sich die bergketten seines kinns 
und bei verärgerung schlägt seine stirn tiefe abgründe 
würden da leute wohnen würde für sie die erde beben 
und die landschaft, die sie sähen, wäre jeden morgen anders 
eine karte zu zeichnen, wäre schwer 
es gäbe stetig neues zu entdecken 

ich frage mich manchmal wo bruder sein gesicht gelassen hat 
vielleicht schwebt es irgendwo, ewig eingefroren in der sekunde zwischen 
zündung und start, mit den hochgezogenen augenbrauen, die auf die 
himmelfahrt warteten 
in der nacht, in der der himmel besonders hell war, verstanden wir uns nicht gut 
es war laut und wir hatten nichts zu reden, 
und bruder war älter und durfte mehr als ich 
und es roch nach qualm und bruder sah vorbei 

ich halte meine hände still 
bruder sieht es nicht 
er ist jeden tag woanders 
bruder, sage ich, bruder 
ist für dich der himmel noch hell?

Ein Hut/Ein Stock/Ein Regenschirm

Kim-Alina Kläve
1999

Mein Opa

Verschmitzt lächelt er mich an 
Hände zittrig von der Last 
der letzten fünfundsiebzig Winter, 
der Kaffee nur noch warmes Wasser 
seit dem vorletzten Herzinfarkt.

Wir zwei 
Das wären vier D-Mark 
sagt er. 
Neben ihm die günstigste Schokolade, 
die man sich von der Rente als Maurer 
eben noch leisten kann.

Zweitausenddrei 
März 
Meine kleinen Füße auf 
seinen großen Lederschuhen, 
Disco Fox zur Schlager-Parade. 
Wie eine Prinzessin fühlte ich mich, 
in jeder Drehung 
so hoch gewirbelt/ 
fast losgeflogen/ 
da waren Flügel 
die Erwachsenen 
haben 
nur 
weggeschaut.

Mein Pfennigprinz 
von dreizehn Kindern 
der jüngste/ 
Flucht nach Deutschland 
in den schützenden Armen 
der Mutter 
die nie dachte 
sie wäre mal alleine 
mit den Kindern

Ankommen 
Nur noch zu zehnt/ 
Die Wellen trugen sie Nachhause, 
erzählte er mir manchmal/ 
Mittlerweile nur noch ein 
Gedankenstrich/ 
der den Schwung 
seiner Augenbraue mitnahm, 
seit die Erinnerungen 
in seinem Kopf verblasst sind.

Zweitausendachtzehn 
März 
Stein um Stein 
Jahrzehnte lang 
baute er 
die Mauern, 
mit denen er seinen Kindern das Schulbrot kaufen konnte. 
Mittlerweile zieht er 
auf seinen Stock gestützt 
zu den Blumen 
auf dem Grab seiner Tochter 
und er tanzt immer noch.

Er tanzt wie damals mit ihren kleinen 
auf seinen viel zu großen Füßen. 
Sie fühlte sich wie eine Prinzessin, 
sie war es für ihn. 
Nur noch er, an ihrer Stelle Erde. 
Es war ein sonniger Tag, 
an dem er sie zum letzten Mal in seine Arme nahm. 
Nur noch er, 
an ihrer Stelle Erde

ein Hut/ 
ein Stock/ 
und ein Regenschirm.

seespaziergänge

Vivian Knopf
1999

manchmal verschwindet sie 
dann sitzt sie da 
starrt mit ihren dunklen augen 
in die ebenso dunkle kaffeetasse 
der weiße schaum löffel für löffel 
sorgfältig auf den teller gehäuft 
und sie nun fragend auf die offene see vor ihr blickend 


der schaum knistert dann leise 
wir beide bekommen bauchschmerzen davon 
doch trinkt sie ihn jedes mal wieder so 
als gehörte zu jedem schluck eben auch ein wenig unannehmlichkeit 
und ich sage nichts 
suche mit dir nach antworten in einer viel zu kleinen kaffeetasse 
du nach welchen die ich dir nicht geben kann 
ich nur nach welchen die es vielleicht nicht gibt

aber wenn sie hustet ist es immer noch da 
literweise hat sie verschluckt 
zum glück bist du eine gute schwimmerin 
das musste sie früh lernen 
zuerst in den großen milchkrügen 
der alten molkerei 
beim fische fangen im karpfenteich 
dann nochmal in echt als du eigentlich schon 
nicht mehr schwimmen wolltest 
in einem meer 
das die hälfte der zeit nicht da ist. 
von beidem bekam sie bauchschmerzen

das einzige was dann hilft 
sind seespaziergänge 
an den ausgefransten rändern 
einer viel zu kleinen kaffeetasse entlang 
immer und immer wieder 
bis der letzte schaum abgetragen ist 
und man von einem ende des ufers aus 
das andere erkennen kann 


dann schüttelt sie wieder ihren kopf 
und nickt dabei 
so wie es großmütter tun 
ihre brauen geschwungen wie die flügel einer möwe 
die gefalteten hände bereit jederzeit aufzubrechen

neun stille wortwechsel meiner familie beim abendessen

Ronja Lobner
2002

I.

Bezüngeln der warmgemachten suppe am abend, als papa zu spät heimkommt + so tut als ob die suppe schmeckt. Grundlos zum boden schlürfen; noch mit gabeln löffeln während mama papa nie ansieht ein
                                                               ganzes glas voll weint 

                                                                 & papa trinkt es aus.

 

II.

schwesterherz isst nicht, papa sieht das und fragt nach mama sagt ok (vergessend, dass das gestern nicht so war) schwesterherz als eine eins-a einsame schülerin, sie macht die familie stolz.

 

III.

Meine mutter gebar einen elefanten, sie stellte ihn in den raum, ich war der elefant. Ich zerdeppere ihre dünne porzellanhaut haut (typisch elefant) mama brüllt mich an mit dem zorn einer mutter und ich weine
                                                                  ein ganzes glas voll 

                                                                  & papa trinkt es aus.

 

IV.

papa stellt fest: mit mama hat er sich vermenscht. Papa kippt mir noch suppe nach, tunkt brot ein und 

                                                                         schluckt auf.

 

V.

wie in einer schlechten sitcom starren alle wie choreographen zeitgleich auf die teller als mama sagt:  
                                                       
                                                             wir müssen mit euch reden.

 

VI.

                                                   papa und mama haben sich nicht lieb.

 

VII.

da fliegt ein glas an die wand (typisch elefant im porzelanladen) – schwesterherz tränt sich leer, papa wringt sie aus und wischt den tisch sauber, als wäre nie was danebengegangen.

 

VIII.

vorrübergehend liege ich unter dem tellerand und ecke an. der tischkante zum beispiel. mama und papa füllen nach; beziehungsstreit. da ist nicht nur eine fliege in der suppe; da ist ein elefant.

 

IX.

                        Es gibt noch nachtisch( kalt geworden und von allen ignoriert) 
                                                           Bist du mama oder papakind?

heimatgedanken

Lena Riemer
2002

auffanglager mutterarme 
wärme licht wärme licht wärme 
heimkehren und wieder dieses fötusgefühl 
wie die hoffnung auf die rückkehr zum anfang 
eingenistet und noch so unbestimmt 
kälte licht kälte licht kälte 
                                           
                                willkommen zu hause 
                                                                   
                              die nase will einen heimatgeruch selektieren 
                        doch nur mottenkugeln altes holz vergilbtes papier 
                         und die gute stube schimmelt in der abstellkammer 
        draußen das blut meiner kinderknie von den bürgersteigen gewaschen 
                 nabelschnur gekappt und kein hinweis mehr auf heimatstadt 
          nur zufällig im vorbeigehen mein elternhaus hier fallen gelassen 


                   ich ertrage das gastgefühl dieser stadt nicht 


weltflucht 
weil heimat wohl keine stecknadel auf der landkarte ist 
sondern ein tränenschimmern beim wiedersehen 
und ein moja córka in die haut geflüstert 
und wärme in der magengrube 
und licht

Gegenbewegung

Viviane Ruof
1999

Neben mir im Kinderwagen träumt sie der Sonne entgegen. Lichtstrahlen, die auf ihrem Näschen tanzen. Les Goudes. Zu dritt zwischen Meer und Marseille. 
Ma petite-fille, verloren in der wohligen Dämmerung des Mittagsschlafs. 
Ihre Lider geschlossen, die Welt vergessen. Aus den Augen aus dem Sinn. 
Ich hol sie zurück, zwei Sekunden vergehn‘ bis sie weiss wo sie ist, wer ich bin. 
Grand-mère! Ihre Augen sagen‘s, zu sprechen wird sie noch lernen. 
Sie hört mir zu, versteht sie mich? 
Ihr Händchen packt und hält meinen Finger mit aller Kraft. 
Ich reich ihr den Löffel, sie schleckt ihn ab. 


Meine Tochter, ihre Mutter, unsere Brücke 
löst den Blick vom Meer 
und schaut zu uns, eine erste Falte hat sie 
von stillenden Nächten ohn‘ Schlaf. 


Nur ein Gedankenstrich, der den Schwung ihrer Braue mitgenommen hat. 
Was wird werden?

 

 

 

Neben mir im Fauteuil roulant döst sie im Gewolke des Nebels. Wassertröpfchen, die ihre Wangen benetzen. Fischmarkt. Zu dritt zwischen Hafen und Hamburg. 
Ma grand-mère, dämmernd im Klang des Dazwischen. 
Ihre Lippen geschlossen, die Welt verstummt- sonst lag ihr das Herz doch auf der Zunge. 
Ich schau sie an, zwei Stunden vergehn‘ ohne dass sie weiss wo sie ist, wer ich bin. 
Du, geliebte Unbekannte! Ihre Augen sagen‘s besonnen, zu sprechen hat sie verlernt. 
Sie hört mir zu, versteht sie mich? 
Ihre Hände liegen ganz ohne Kraft in den meinen, ich weine. 
Ich reich ihr die Gabel, ihre Lippen umschliessen sie.

 

Meine Mutter, ihre Tochter, unsre Brücke 
löst den Blick vom Meer 
und schaut zu uns, Falten hat sie 
von wachenden Nächten ohn’ Schlaf.

Nur ein Erinnerungsfaden, der ihre Locken verweht hat. Was vergangen ist...

Wir danken allen Teilnehmenden sehr für die zahlreichen Beiträge und wünschen viel Freude mit den Gedichten der Monatsgewinnerinnen Rosa Engelhardt, Kim-Alina Kläve, Vivian Knopf, Ronja Lobner, Lena Riemer und Viviane Ruof.