Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im September 2018

Wettbewerb im September 2018

„sprung mit raketenrucksack“ hieß es im September und wir bedanken uns bei allen, die diesen Sprung in die Sprache der Revolution und Veränderung gewagt haben. „Für Majakowski“ ist der Titel des Gedichts von Max Czollek, aus dem die Zeile stammt; es meint den sowjetischen Dichter und leidenschaftlichen Anhänger der Oktober-Revolution.

erblinden

Ruta Dreyer
2002

in Moskau ist es kalt
sie haben den Kragen hochgeklappt
und sich ein Visier aus eisernen Tränen gebaut
unter ihre Fittiche die Matritzen der einsamen Erkenntnis
eingekerkert fahren sie mit den Fingern über die Spalten
dazwischen verstummen sie

wie ein Maulwurf den es aus seiner
Festung treibt der Entblößung der
Dekadenz entgegen während die kleinen  
roten Tropfen sich in den Falten
einnisten so dass die Fingernägel nicht mehr fassen
können
ein Treiben zum Fallen hin

auf den hauchdünnen Scherbenschatten liegt dein
leerer Körper Majakowski
Es ist kalt in Moskau
Sie haben den Kragen hochgeklappt
und durch das Visier der eisernen Tränen erblicken sie
deinen weißen Körper der sich blass vor ihnen erstreckt
die roten Tropfen die dazwischen fahren dehnen sich
nach deinen Armen aus
wie ein Fächer
ein Treiben zum Fallen hin
und der Maulwurf sah nur das Sonnenlicht um daran zu erblinden

weißt du, dass ich Geige spielen kann?

Selin Eslek
2003

es dreht sich ein Haar mutig über deine Oberlippe. jeden moment bereit, deiner Spucke auszuweichen. seine artgenossen (ich weiß, du lehnst diesen begriff ab. also gut, für dich: seine Barthaargenossen gebaut auf Gleichheit in Haut und Blick und Herz) halten beim anblick des schwierigen manövers den Atem an. dir krümeln die sätze aus dem Mund, den Zehen, geleitet von deinem Kopf, Finger in gesten, Poren in duft, der Wind weht und vermischt sich, mitgerissen von deinen Worten, mit deinem Fleisch, verwischt den Menschenkontrast.  das. ist die Erfüllung deines Sinnes. du lässt dich vom Wind ganz hoch tragen. höher als alle anderen während du immer weiter deinen alten Buchstaben nachhängst und dich dunkle augen von unten anstarren. du bist aufgegangen. nun wollen sie auch fliegen lernen.

auch ich ma(rx) wie du sein, auf den Wolken sitzen wie ein engel(s) entschuldige, ich habe Engel gesagt aber ich wollte nur lustig sein. Schuldig. Schuldig.

wir blicken also hinauf zu dir und deine Worte sind verwegen und neu und drastisch und wunderbar. du schaust uns zu. wie alle anderen Augenpaare, ziehe ich zuerst meine jacke aus. dann das hemd, hose, unterhose, socken, schuhe. wir frieren zwar ein bisschen, aber das ist okay weil du sagst, wenn die Unterschiede der Kleidung erst einmal weg sind, dann wird es uns besser gehen. dann holen wir uns spitze Zweige und fangen an, uns die Haut abzuziehen. das ist zwar etwas unangenehm, aber du sagst, wenn erst einmal die Unterschiede der Haut weg sind, wird es uns besser gehen. aus den Jacken nähen wir also eine ganz große riesenjacke für uns alle zusammen. und auch ein riesenhemd und eine riesenhose und - unterhose und riesensocken und -schuhe. aus all der haut nähen wir ein einziges neues organ in dem wir alle platz haben. du schaust zu und wir sind stolz, dass wir dich stolz machen. in der neuen haut der genossen ist es warm und kuschelig. das war eine gute Idee. also machen wir weiter, als du sagst, dass es uns noch besser gehen wird, wenn wir alle gleich stark sind. so nehmen wir die zweige von vorhin und trennen unsere Muskelfasern  vom Fleisch und platzieren sie zu großen muskelhaufen an verschiedenen orten in unserer haut. damit haut und muskeln nicht austrocknen, entnehmen wir unsere adern und verlegen sie zu wunderschönen neuen blutbahnen. damit alle alle unserer zellen auch genug  luft bekommen, stecken wir unsere lungenflügel zusammen bis sich eine einzige lunge geformt hat. langsam kann sich unser konstrukt nicht mehr alleine halten und so sagst du, dass wir schon ein paar knochen opfern müssten damit es hielte und es uns so besser gehen könnte. das brechen der knochen klingt hässlich.  es fließt auch viel blut aber das ist okay.

nach und nach entnehmen wir uns sämtliche organe und fleisch um die lücken zu füllen. finger- und zehennägel. zähne und augen. bis nur noch unsere frierenden gehirne übrig sind. du bist glücklich und lächelst von oben auf uns nieder. es ist ziemlich kalt hier unten. also drängen wir uns ganz eng zusammen. wir ,die köpfe, in den letzen freien platz in der neuen haut. wir vereinigen uns. zu einem Menschen.

 

es schwankt ein bisschen. als es aufsteht und in den Himmel blickt. doch dort findet es nichts als den Wind welcher es leise auslacht. um es herum liegen blutige Zweige. erst jetzt merkt es. dass es schmerzt. es setzt sich hin. es kotzt seine widerlich großen organe aus und deckt sich mit ihnen zu. es schläft ein. 

ein kleiner Marienkäfer mit raketenrucksack. benutzt seinen leeren Bauch als Startplatz für seine Weltraumexpedition.

Standweitsprung über Deutschlands Lücken

Maria Jahn
2001

Wie kommt die Einsamkeit in deinen
Körper wenn dein Geist in Sphären schwebt
die weit über deiner Selbstliebe kleben
ich reiße dem Teppich die fransigen Haare aus
um mich mit irgendwas an dich zu binden
aber deine Distanz zittert wie Glas an Gleisen
und so wie sein Motor beschleunigt so
schnell warst du gegangen es dauert
keine Sekunde um Herzen zu brechen die
kannst du nicht mit Patafix wieder pappen
wir sind kaputt wir zwei in wir drei in wir
sind einsam nicht allein weißt du überhaupt
wie kam die Einsamkeit in deine Seele
geschossen über Nacht aus Kerzenqualm
werden Augen die das Chaos um mich
nicht einmal sehen soziale Isolation ist
ein Raketensprung von Micky Maus singt
Backe Kuchen und dein Handy blinkt es
schreibt dir wer zu ich hasse die Welt
in einer Generation aus bemalten Papptüten
vor der Leere nach dem Schlussverkauf
und ich mache den Fernseher an um
fern zu sehen aber alles was ich sehe ist
Hass der uns so fortschrittlich macht
so fortgeschritten weit weg vom Boden
der Tatsachen lieb doch wen du willst
und lass leben wen du sollst alle dich
und Panzertape vor Mündern wo uns
die Parolen pfeifen ich schreie innen Stille
was macht das Land so dumm und warum
tun die da oben nichts oder sind die in
Wahrheit unten und ich sauge Wasser aus
Salzkrusten wenn das Gewitter bereits
weiter gezogen ist ich hasse vieles
ich hasse Hass und ich hasse Lügen
und ich hasse Menschen und
ich liebe Menschen.

 

K          Ö          T

 

 

Rote Fahnen im Wind

Pauline Macholdt
2002

Und die einen schwenken rote Fahnen und die anderen tragen Springerstiefel und sie schreien, alle schreien, denn wer am lautesten schreit, hat Recht.

Und was sie schreien quittiert die Menge mit Applaus oder Pfiffen und Flaschen voller Benzin.

Und sie formieren sich, die braune Masse auf der einen Seite, auf der anderen der schwarze Block schützend vor der buntgemischten Menge dahinter.

Und sie brennen für ihre Sache voller Inbrunst. Und sie sind nicht die einzigen, die für ihre Sache brennen. Sie brennen, die Autos und die Asylheime und die Suchenden und die Findenden brennen auch.

Überall ist Feuer und überall Rauch der die Wahrheit verdeckt, denn die Wahrheit ist, dass die Feuer von Unzufriedenheit genährt werden.

Und die Stimmen links der Mitte schreien nach Revolution und sie stöhnen rechtsseitig voller Hass.

Und trotz all der Feuer, die überall brennen, ist es kalt geworden um uns herum. Kalt, wie damals in Stalingrad, als die Menschen schneller starben, als die Fliegen, die sich an ihnen nährten und die Ratten, die zwischen den Leichenbergen ein Zuhause fanden. Die Ratten waren die einzigen Gewinner der Kriege. Die Ratten und die Waffenindustrie.

Und ich habe nie in der Mitte gestanden, bin nie den rechten Parolen verfallen, habe mich nie gefragt, ob die andere Seite mit Recht ihre Meinung vertritt, denn wer so vieles verachtet, hat dieses Recht verwirkt.

Und mein Blut ist schon immer nach links geflossen und mein Herz hat schon immer rot geschlagen und ich bin nicht allein und doch habe ich Angst.

Denn auch ich habe schon rote Fahnen brennen sehen und wie Bücher in hellorangfarbenen Flammen zu Asche verfallen. Und ich weiß, da wo man Bücher verbrennt, verbrannte man einst Menschen und wird es wieder tun und tut es schon heute.

Und eine Armee aus Springerstiefeln marschiert über den Asphalt. Gnadenlos zertritt sie jeden, der sich ihr nicht anschließt. Und sie marschiert zu auf eine Wand zu aus roten Fahnen und schwarzen Kapuzen. Auf eine Wand mit einem Namen und einer Mission. Wir sind die Wand, die ihnen im Weg steht.

Wir sind die Wand namens Widerstand.

3, 2, 1 … der Countdown läuft

Sophie Schmid
2000

Da liegt er Marx Raketenrucksack,
unter der dicken Staubschicht schimmert das glänzende Rot hervor,
sowie an dem Tag an dem er geschaffen wurde.
Er starb mit ihm in seinen kalten Händen doch der Rucksack ist noch bereit zu explodieren,
pulsierend

Lenin probierte ihn auf versuchte ihn zum Fliegen zu bringen,
doch Marx Ziel erreichte er nie.
Die Proletarier liegen noch immer in ihren Ketten,
verstreut auf dieser Erde.

Die Gegner lernten schnell,
wie man den Treibstoff des Raketenruckacks zum Schweigen bringt,
nicht nur die Gewalt sondern der eigene vorgetäuschte Komfort.
die Kontrolle von oben
haben ihn stillgelegt haben ihn altern lassen
ein ausrangiertes Modell?

Der Mensch ersetzt von seinen selbst geschaffenen Werken.
das unbrauchbare Brennmaterial wird entsorgt
sich selbst überlassen
doch ausgebrannt ist es noch lange nicht

Roter Rost sammelt sich auf den scheinbar goldenen Trägern der Zukunft
und droht sie von innen heraus zu zerfressen
der Racketenrucksack wird wieder ausgepackt
bereit zum Start

So hängt er nun seit zweihundert Jahren
an seinem Platz
geduldig
und noch immer scharf

Re: Für mich

Sophia Theobald
2002

Genossin! Wo bist du?
Ausgesetzt, abgesetzt
West – Ost – Ost – West
Gemeinsam, die Moral
Leben, die Kunst
Wir beide du schön, ich Dichter
Gefangen in Gemeinschaft, Kameradschaft
Nein Liebe nicht
Zu schwach, zu wenig gemeinsam
begraben im Rot der russischen Nacht
alle sind eins, alle sind wir, nur nicht wir zwei
Wo bist du Genossin?
Kann nicht flieh'n, kann nicht folgen
dein Schein ist zu hell!
Tausend Augen aus Eisen voll Hass und Verrat
niemand traut, niemand glaubt
Wie entkomm' ich?- Brauche Feuer und Sturm
Hoch hinaus, endlich frei, endlich Schwarz, kein Rot
Hier allein' nur Sein weder gemeinsam noch du
doch wer fliegt, der fällt
der Rucksack kein Ausweg, die Glut zu rot
der Ausweg ein and'rer, ein einz'ger, ein Ende
für mich wars zu Ende,
bevor es jemals begann.

Ihr habt euch eingelassen auf die sprachliche Klaviatur der vergangenen und aktuellen Politik. Entstanden sind spannungsreiche Bilder über politische Zustände, Veränderungen sowie Solidarität.

Wir gratulieren den sechs Gewinner*innen Ruta Dreyer, Selin Eslek, Maria Jahn, Pauline Macholdt, Sophie Schmid und Sophia Theobald! Beim Lesen ihrer Texte beginnen wir davon zu träumen „ein Visier aus eisernen Tränen“ hinter uns zu lassen, „hauchdünne Scherbenschatten“ zu überwinden und auch den Sprung zu wagen mit „Barthaargenossen gebaut auf Gleichheit in Haut und Blick und Herz“. Wir lassen „die braune Masse auf der anderen Seite“, denn „unter der dicken Staubschicht schimmert das glänzende Rot“: „Wo bist du Genossin?“

Viel Vergnügen bei der Lektüre!