Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im November

Wettbewerb im November 2019

„wenn zimmer kammern werden“ hieß das Thema im November. Ihr habt Texte darüber geschrieben, wie etwas vertraut wird und sich dann manchmal doch wieder entzieht. Ihr habt eigene Räume mit Worten vermessen und gestaltet. Es werden die „hügel unter dem kopfkissen“ abgefahren, „Farbpigmente fließen in die Hirnrinde“, „Emotionen sich zerfalten“ und „Aus den Regalen fallen Organe“. Ist alles „ein Aktionsraum, den wir selber gestalten“ oder bohrt 
„ein stück realität in deine dünngefaltete haut“?

Das Gedicht von Caroline Danneil, aus dem die Zeile stammt, trägt den Titel „schichten entstehen so“. In euren Gedichten habt ihr Schichten abgetragen und auch wieder gebildet. Vielen Dank für alle Einsendungen!

Das Eingeständnis einer Empfindung

Ruta Dreyer
2002


die äußere wölbung an dem kopfkissen. ein angespanntes 
husten entlang der inneren träume (die verflechtung unausgelebter ideen) die puppe 
schaut mit großen augen beim entlangfahren der zimmerdecke. Sie beobachtet meinen 
versuch zu fliegen. in luziden träumen stehe ich auf und entferne alle spuren 
einer kindheit. als könnte ich mir nicht erlauben manchmal die hügel unter dem kopfkissen 
abzufahren um zu schauen ob die puppe noch da ist. ihr zögerliches lächeln der leichte aufriss 
zwischen den augenbrauen das lückenlose anecken

II 
ein heimliches betasten. der weiche bauch der rauhe stoff die leise stimme die ich mir vorstelle 
wie sie wohl klingen mag wenn sie zu meinen tränen tanzt. Ein schichtenförmiges vertrauen in 
den gegenstand der neben mir schläft (welche horizontalen manöver durchsteht er in 
seinen nächtlichen wanderungen?)

III 
in den albträumen die puppe mein auffangen, ein unmögliches unterfangen sich selbst zu glätten. 
nur das wesen unter meiner hand die beruhigung die vollkommene hingabe und die nutzlosigkeit des eigenen verstands ich habe versagt. die luziden träume schreien danach das zimmer in einen raum zu verwandeln in dem ich teil eines fensters sein kann (und wie man daraus hinaus kommt) immer noch ein leises aufatmen wenn die tür schweigt und doch keine geballte lawine ist. aber der Teppich könnte

(IIII 
ein wimmerndes kind auf dem boden und die hand gekrallt in den stoff einer puppe. die leichte versuchung darüber hinwegzuschlafen. in träumen wird nach einem anderen ort geschrien)

kunstwerk

Ronja Lobner
2002

Voll, Voller, Fülle. 
Ich wähle primär Farben als ich meinen Kopf 
bepinsel, mit Acryl, dann explodierte er an Fülle. 
Beim Anfertigen der Kompositionsskizze ist alles so 
         z e    rs t        r 
e

u t. 
Intuitiv bewässre ich Borsten mit 
Gespräch. Konturlinien sind gesetzt um 
übermalt zu werden (Schicht um Schicht um 
Schicht um Schicht). Art-e aus, Kunstwerk, 
In ein Polychrom! Doch stattdessen fließen 
Farbpigmente in die Hirnrinde.

Die Ölfarbe noch. Das Bild ist zu voll; muss Etwas 
aus dem Ganzen reißen, um 
nicht vollkommen zu sein; also kratze ich 
Mit Bleistiftspitzen blaue Flecken wieder auf.

Wenn ich male, In meinem Kopfatelier, stehen Bilder 
voller Klexe und Farbspritzer an der Epiphyse. mit Klebstoff bezüngelt, 
damit sie sich bildet, 
meine dreidimensionale Collage. 
Das Gemälde ist so linkslastig. 
Mein Kopf ist so linkslastig.

Manifestiert sich mehr als mir gefallen würde, will ich 
Die Leinwand zerstören. Hat es zwar eine geringe Stofflichkeit, 
aber zu viele Stoffe. Es fällt 
nicht in den Rahmen, sondern malt ihn bunt an 
& trocknet (Schicht um Schicht um 
Schicht um Schicht).

Niemals könnte ich die Fläche ausfüllen, 
nur Farben einmischen (schwarzgelb, schwarzrot, schwarzgelb, schwarzgelb, schwarzrot, rotgrün, schwarzrot) 
aber dann fehlt strukturiertes Papier, um meine Gedanken 
abzutupfen. 
Wähle ich aus allen Farben alle aus.

(Schicht um Schicht um 
Schicht um Schicht) 
Wenn ich male, in meinem Kopfatelier, dann radiere ich 
nie. Die Fehlversuche werden verschoben 
ins Unterbewusst sein, da kann ich 
unten 
bewusst sein. 
Jetzt will ich alle Farben haben. Art-e aus, Kunstwerk, 
in ein Polychrom!

Voll, Voller, Füller. 
durch mein drittes Auge 
kannst du die Iris platzen sehen. 
Das ist wahre Achromatopsie. 
Mein Bild war immer schwarz, guck hin. Wenn du durch die 
Pupille blickst, siehst du mich als Schwarzmalerin 
mit Tinte zeichnen, 
in meinem Kopfatelier. 

W. AND FiCTiON

Sven Spaltner
2000

“One goes into the room — but the resources of the English language would be much put to the stretch, and whole flights of words would need to wing their way illegitimately into existence before a woman could say what happens when she 
goes into a room.” 

( - Virginia Woolf: A Room of One’s Own.)

 

ziehe eine decke zwischen dich und die welten, verstecke 
sie unter stuck und dich unter ihr, wo du stille findest 
nachts wenn die gr. bären zum bahnhof werden, einem angs 
traum, ein aktionsraum, den wir selber gestalten, aber d 
er auch uns gestaltet, den wir verteidigen und darin ver 
kehren, der rein der unserige ist. wagen uns weiter vor, 
werden von wärtern zu wölfen. wir erschließen uns eine s 
tube, drücken uns aus: arme, gelenke hände ringen, von n 
adel und faden sind sie agil, aber fahrig geworden. vier 
enge wände umringen sie, weben ihnen einen saum aus haut 
sodass es kaum noch einen ausweg gibt. sie versuchen, w. 
ortgrenzen aufzubrechen, aber sie können nicht mehr stil 
l halten: beides (ein und )ausgeschlossen, klammern mind 
er an kammern und zimmern, deren lichter flimmern, es fl 
ackern die lider darunter. bis jemand klopft an der türe 
in der mitte des zimmers: messieurs öffnen unsere mutter 
münder um 1 millimeter. jagen iacere, grammatik über gen 
italien: die unterwerfenden werfen die vorwerfenden raus 
marginal bleibt vaginal im fiktional. zieht aber an rock 
zipfeln und an den zitzen einer paria. chatonfassung, ge 
macht aus rauhfasertapete und kleister, rahmt uns, fällt 
dann bei kontakt mit wasser in sich zusammen, wie manche 
gute worte das tun. von zimmern zu kammern wandern, aber
immer im ammer stranden, als die stille darin zu stimmen 
wurde. wie ein womb@ müsste man wohnen, unterirdisch, so 
ohne fenster und tür, mit tunneln und höhlen, nachtaktiv 
und pflanzen fressend. aber diese art ist gebeutelt, die 
womb@s tragen in ihren taschen steine bis auf den grund. 

achso, ich bin ein gesellschaftssandwich

Sarah Stemper
2001

wenn du beim z-z-z- 
zusammentackern //deiner// 
kündigung 
bezüglich 
milchtüten //und anthropoz- 
z-z-z- 
än in deinen 
daumen tackerst, 
schichtest du. 
ein stück// realität 
bohrt in deine dünngefaltete 
haut, es kriecht// eine 
zerupfte schmogfeder 
//deine// 
von innen als 
nebensächlich //betrachteten 
//transparentpapiernerven// 
diagonal taumelnd 
entlang 

                         der 
                  atmoz-z-z-z-äre 
                   schichten, die 
               keinem// ihren namen 
                      verraten, 
        drachengeflüster //sprechend// 
                 ihre abgeschabten// 
                     schuppen 
                 bluten auf deinen 
              //boden// ein stück// 
                  schreibtisch. wer 
                schichtet denn da// 
             fantasie in deine// fiktive 
                 realität, die ohne 
              anstrengendes fingieren 
                 effektiv fungiert? 

                                                 nun die 
                                   papierfetzen// fetzig 
                                      eine korrespondenz 
                                     zur neurodermitis// 
                                     an deinen schultern 
                                          //erschaffen// 
                                       wir ein labyrinth 
                                 in unserer blutlaufbahn, 
                                      und aus blut werde 
                                           wasser ohne// 
                                                  salz// 
                                     das vom tacker auz- 
                                         z-z-z-gehend(e) 
                                   die psychatriefenster 
                                               beschlägt, 
 aussinnaussinnaussinnaussinnaussinnaussinnaussinnausinn
                                             wurde wahn, 

als ich versuchte, 
meine nase in 
die wärmeflasche 
der trächtigen hündin 
zu vergraben, 
platzte sie auf, 
irreparabel. 
aber du, das 
metaebeneversuchende, 
denke nicht, dass das 
z für etwas 
einschlafendes steht. 

              es kommt nur auf die spielart an, 
                wenn auz menschenverbindungen 
                         auz z-z-z-atin 
                     abflussrohre werden, 
                         empathiespucke 
                        zu verhocken in 
                     lebenz-z-z-häuz-z-z- 
                           ern, die 
                        z-z-anfte ruinen 
                            geworden. 

Bornholmer Straße

Valentina Vapaux
2001

Bornholmer Straße

„Lonely people take hotter showers to replace the emotional warmth they are lacking.“

Berlin ist wieder kalt. 
So wie Berlin immer kalt ist. 
An einer Rolltreppe am Alexanderplatz riecht es nach Zimtschnecken. 
Freunde habe ich nur noch in der anderen Welt.

Bewunderer und keinen der mich kennt. 
Alleine regnet es auf meine schwarzen Schuhe.

Klick Klack. 
Zitternde Anzugträger. 
Oben in der Kuppel beim großen Tor. 
Tränensäcke in Büro hängen schwer. 
Brillen fallen, Sekretäre schreien. 
Haben schon lang kein Leben mehr.

Dunkle Augen zwischen langsamen Gestalten. 
Lichter tropfen auf dich drauf. 
Wenn Emotionen sich zerfalten. 
Wart bis ich mir nen neuen Körper kauf.

Kleidung zerfetzt. 
Schwarze Augenringe. 
Kühle Miene an der Tür. 
Tanz mich weg von hier. 
Pillen die mich leben lassen. 
Und die Realität verblassen.

Küss sie weich, auf den Ruinen. 
Nackt auf der bebenden Toilette. 
Werd sie nie wieder sehen. 
Wie's längst tote System.

Hänge an der Schwelle. 
Endlich frei - in einer Gitterzelle. 
Ringbahn Richtung Endstation.

Starrende Bildschirme leuchten 
mich stumm an. 
Montagmorgen ich soll schreiben. 
Und mir fällt nichts ein. 
Die Luft ist trocken. 
Im sterilen Raum im siebten Stock.

Hab mich hochgekämpft 
Will wieder runter fallen. 
An den seichten Ort 
wo ich noch Träume hatte. 
Alles längst schon fort. 
Lieg auf dieser Steineis Platte 
Hier in West-Berlin.

Und wein allein. 

Mein

Kristina Vasilevskaja
2001

                             Mein,

                    ein Zuhause sollte es sein 
            Warm behaglich, doch zu oft ploppen 
         Momente in denen mein, sich zusammenzieht 
            Verengt, die Wände zueinander rennen 
        Ein Wettstreit wer mehr Kraft entgegenbringt 
      Und ein Ich dazwischen, die Enge, die Stärke meines 
       Fühlend, ich, liebe versuche entgegen zu bringen

            In zusammen gekniffenen Augenbrauen 
            Suche nach Frieden zwischen Stirnfalten 
             Balsam gleitet durch meine Blutbahnen 
       Heißer Alkohol damit sich die Wände weiten 
         Verbrannte Zunge die Haut blättert rot ab 
    Das Brennen noch hier, doch die Enge nicht verlaufen 
      Noch immer gefangen, was Zuhause heißen sollte 
   Der Schmerz lauert innen, der Druck lässt nicht nach 

   Vielleicht, eines Tages werde ich die Freiheit einsaugen 
                   Tief durch meine Lungen 
                          In meinem, 
               den gesamten Raum durchziehen 
                            lassen 
                   Wie ein Saal gefühlt ist, 
       doch von außen denke man an Garderobenständer 
 Eine zimmergleiche Sehnsucht nach Gemütlichkeit von innen 
                    Eines liebevollen Hauses 
              Stets der Rückzugsort in Gedanken 
                Doch nur ein Balken aus Schmerz 
                       im Rücken gelassen

            Der wichtigste Prozess unterbrochen 
             Erschwertes Atmen von Insuffizienz 
             In mir wird es weniger, vollgestopft 
                Aus den Regalen fallen Organe 
              Hänge die Augen über den Haken 
               Sehe noch immer wie eng es ist, 
              Ein niemals endendes Phänomen 
                            Mein 
      Haut wird dünner und noch immer mangelt Platz 
            Heavy emotions und zu viel von allem 
                  Ein Cocktail zum Brechen 
                Versteinert meine Innereien 
                 Ein Hoch auf das Zuhause 
            Möge es für immer einwandfrei sei

Sechs davon überzeugten die Jury allen voran, wir gratulieren den Gewinner*innen: Ruta Dreyer, Ronja Lobner, Sven Spaltner, Sarah Stemper, Valentina Vapaux und Kristina Vasilevskaja!