Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im November 2018

Wettbewerb im November 2018

„legen neue Kapitel an“ hieß es im November mit Christoph Szalay, dem diesjährigen Alice Salomon Poetik-Preisträger. Der Preis prämiert Künstler*innen, die sich durch ein Crossover verschiedener Kunstformen auszeichnen. Inspiriert durch den Text des Grazer Künstlers habt auch ihr Begriffe und Grenzen überschritten, neu vermessen und sprachlich ausgelotet.

Sieh den Anderen in die Augen, sprich mit ihnen

Rosa Engelhardt
2001

Der Bürgersteig stößt die Schuhsohlen ab
Bürger, steig auf und versohl
Alles mit anderen Gehirnen

Die Augen ziehen mich auf an Seilen
ihrer Blicke, fädeln Netze in denen ich mich
an fange zu betten, dann
ver fange, verw irre, er würge
Die Augen sehen nicht anders aus als andere
Die Augen sehen mich anders
Ich suche eine Schere für die Augen
Sie auszustechen, die Augenblicke zu zerschneiden
Mich aus den Fäden zu befreien
Ich suche gefesselt und finde nichts

Die Münder reden Silben, die sich anhören wie
Reden ist Silber, Silber hört sich schön an in meinen Ohren
Es dringt ein in die Gehörmuschel und verläuft sich schlussendlich
in Gehirnecken und findet nicht zurück
Alle Gehirne sehen gleich aus, meins
ist versilbert

Sie zupfen an den Augenfäden, spielen mit Bravour
die Saiten meiner Nerven
in C-Moll
Die Vibration schneidet mit jedem Ton
tiefer in meine Haut ein Muster
Will an das Silber im Gehirn, tief schneidend

Der Bürgersteig stößt die Schuhsohlen ab
Die Muster sind nicht kompatibel
Die Rillen der Steine tiefer als das alte Gummi

Das Netz ist zugezogen, tiefer als die Haut
Zuhause
fingen wir immer die Fremden mit unserem Blick
und betteten sie im Kissen unserer Sprache
bis sie daran erstickten

 

 

Schwarzfahrer

Yannick Klein
1998

An dem freitag der noch so weit in der ferne schien
und sich gefühlt nie nähern würde
dann aber doch mit einer schallmauer durchbrechenden geschwindigkeit
auf mich einschlug
saß ich in der schule
die handfläche in die backe gedrückt
dass mein gesicht sich unförmig
nach oben verschob
zu einem gemälde von munch
und wartete auf den alles beendenden gong der heilbringenden glocke
an der porösen polarweißen schulwand.

Ich sah zum „neuen“ rüber.

2 Wochen war er mittlerweile hier
und saß am einzeltisch am lichtdurchströmten fenster ganz hinten.
Kein mäppchen, kein stift, kein block auf dem tisch,
als würde er sich nur kurz setzen und wieder gehen
wie ein fahrgast ohne fahrschein,
der vom leicht schadenfreudig dreinguckenden kontrolleur des busses verwiesen
und zu einem existenzbedrohenden bußgeld verdonnert wurde.
Jamaal oder so. Ich hatte nicht mit ihm gesprochen.

Er sprach nicht viel.
Vielleicht verstand er nichts.
Vielleicht schon.
Wusste nicht wo er wohnt oder was er gerne tut.
Er war auf jeden fall nicht von hier.
Er sah zu mir rüber und es baute sich blickkontakt auf
als wolle er etwas suchen, womöglich ablenkung
vom langweiligen physikunterricht
oder von den problemen zu hause.
Zu hause.
Da wäre ich jetzt auch gerne.
Mich gemütlich auf die couch legen und die augen zu machen.
Gleich war es ja soweit,
noch 5 minuten.
Ich merkte, dass Jamaal mich noch ansah als ich in nickerchengedanken vertieft war.
Doch ich schaute weiter auf die immer langsamer tickende scheibe an der porösen polarweißen wand und freute mich auf die couch.
Dann war es so weit. Das erlösende klingeln und der sprint nach draußen in die freiheit.
Nach zwei weiteren wochen war Jamaal weg.
Wahrscheinlich zu hause.
Vielleicht auf der couch.

es endet mit einem versprechen

Laura Meroth
2003

geliebte heimat,
morgen gehe ich
aber keine sorge, ich vergesse dich nicht
denn die unsichtbare schnur, die uns beide verbindet, ist beliebig dehnbar
und nicht ein ganzes meer kann sie durchtrennen
"home is where the heart is"
schrieb ich mir auf den arm
mit schwarzer, violett schimmernder filzstiftfarbe
daneben thront auf vernarbter haut ein herz
es ist misslungen, aber dennoch hoffe ich auf die wasserunlöslichkeit der farbe
genau wie auf die der erinnerungen, die ich an dich hege

weißt du noch?
tautropfenmorgen
sie waren meine liebsten
in der kühle, die das gras benetzte wie spinnweben, badete ich meine nackten füße
und träumte mich selbst zum himmel hinauf

weißt du noch?
kiefernholzduft nach sanften schauern
aromatisch
betörend
noch haftet er trotzig an meinem haar, doch eine salzwasserwäsche und er wird nie dagewesen sein

weißt du noch?
das leise summen mamas, während sie in der küche teller klappern ließ
hin und wieder ging einer zu bruch, aber ich fand seltsamen gefallen an den scherben
so hauchdünn
erinnerten sie mich an die fragilität meines eigenen lebens

weißt du noch?
der sonnenuntergang, der mir ein lächeln schenkte
und mir mit warmen händen das haar zerwühlte
eine vertraute geste, der ich mich voll und ganz hingab
papa hat das auch gemacht, bevor er eines tages im kugelregen ertrank

weißt du noch?
das schattenkino, das in der dämmerung wie von zauberhand erschien
ich betrachtete die geschmeidigen, pantherähnlichen bewegungen mit faszination
und rührte mich nicht
denn die schatten waren scheu und hatten nicht lange zu leben

weißt du noch?
das rhythmische prasseln des regens auf unserem plastikdach
mama sagte, nicht lange und wir ertränken in regen
aber das dach blieb wider ihrer erwartungen intakt und so
wiegte mich das prasseln nacht für nacht in den schlaf

ich erinnere mich
an jeden einzelnen moment mit dir und stecke sie alle ein
nicht mehr gepäck brauche ich auf dieser reise
und während ich in einem boot salzwassertränen weine, wird es über dir grässlich-metallische kugeln regnen
um mama vor dem ertrinken zu bewahren, komme ich zurück ehe das plastikdach einstürzen kann
versprochen

hei hei! mat

Anna Sophia Merwald
1998

was will ich sehen
berge so klein wie streichhölzer
auf meinem schoß wachsen
knorrige wurzeln so starr wie
der busfahrer an der rotkreuzstraße
sich um meine beine schlingen
...
hei hei! der fernseher leuchtet bunt
ist das eine hetzjagd in meiner heimat?
ich höre was ihr brüllt aber
das ist nicht meine sprache
where are you from?
...
no, i am not from germany
tyskland klingt viel schöner
the same ist nicht das gleiche
...
hvorfor er du her? warum?
unnskyld! i don't know
jeg vet ikke versteh nicht
des is der größte schmarrn
den ihr da verzählts! da war
kein mob, keine jagd
...
hierzulande begrüßt man sich
med hånd und schaut sich in die
aug um aug
...
ha det!
ja, ade!
...
i try to act like i am not german
holocaust? i don't know...
aber damit bin ich so nah
meiner heimat so nah
hab ein mutterländer
keine vatersprache
nur orte ohne namen
...
war vielleicht alles einfacher
als die filme noch stumm waren
alle die gleichen schauten
hab beobachtet wie meine familie
zerbrach die geographischen grenzen
lieg ich jetzt zerstückelt da
als erschreckende schlagzeile in großbuchstaben?
wird jetzt gezogen an allen meinen
enden in verschiedene richtungen?
wird mich schon jemand heimbringen...
ah, hitler, nazi...right...?
...
durch vier schichten jacken
pullover wolle kannst du mich
begreifen bin ich quasi taub
auf dem herzen hat sich ein abszess
drangemacht mich aufzufressen
...
hab ich ein anderes gesicht
wenn mich keiner versteht
oder macht ihr krumme münder
weil die wörter sich nicht wohlfühlen
...
wie suchst du dir den ort aus
wo du das gras am liebsten
wachsen hörst

Rückkehr

Anna Schlechter
1997

Nach deiner Rückkehr 

 schreibt meine Mutter mir
                in kleine
                   krankenhausgrüne
Nachrichtenstücksel

Wenn du wieder da bist

Ich stöpsel mir die Augen zu
        am liebsten würde ich all meine Poren verschließen
denke ich
                     die Sinne abschnüren
                     die Zeit austricksen

Doch in meinen Schlund haben sie Beton gekippt
schiefe Bodenplatten            statt Zähnen gepflanzt
was meine Gefühle am besten ausdrückt
sind wohlmöglich Straßenschilder

Welche gottverdammte Rückkehr?

bin doch schon fort
zu weit rausgeschwommen vielleicht
                                   wovon sprichst du noch
lieg irgendwo auf so´nem Strand
mit grünen Algen in den Nasenlöchern
Wasserschleichenhaut
und Schlamm als Haaren

"das Weggehen hat ihr nicht gut getan"
                werden die Leute sagen
"so zwischen den Scherben zu segeln"
                werde ich sagen
                und summen
                wie damals

es                                                 stimmt
da      gib       t         es            noch
sowas           Z   erstückeltes      in  mir
Hei     mat
wie war das?

und
ist    es   g   enug?

Wach auf, es geht weiter!

Thea Steimer
2001

Wir befinden uns auf einem rotierenden Bruchstück

du stehst nie still,
suchst du Ruhe? Einen Ort, der seine Koordinaten behält?
Aussichtslos wie der Kampf der Wespe im Limonadenglas

versuchst du eine großartige Reise zu vollenden?
verglichen mit der Drehung der Erde
verschwindet jede Bewegung wie die letzte Potenz
im Globalverlauf einer Polynomfunktion

wach auf, es geht weiter!

deine Mutter rüttelt dich wach,
du nimmst den Power-Ranger-Rucksack
es trottet ein blindes Lamm einem Tiger hinterher
beide steigen in eine A380

du hebst ab, schläfst, wachst in Kathmandu wieder auf
und kommst nie an

als hätte man dich als Säugling 
im  Wing-Suit vom Himalaya gestoßen
seitdem fliegst du weiter und weiter und weiter

Zick-zack-Kurs durch die Anden
im Gleitflug dem Amazonas folgend

und weiter und weiter und weiter

im Windschatten von Flugzeugen
in den Schluchten von Wolkenkratzern

und weiter und weiter und weiter

über Schulen und Polizeistationen
zwischen soliden Wohnblöcken und Supermärkten

weiter und weiter und weiter

wirbelst im Slalom um die starren Körper
schwerer Bürger

und stopp

sieben Rosen in einer Aldi-Tüte

du lässt dich von den kompartimentierten Dünen
eines Sofas verführen
die Woche welkt und stirbt,
du baust dir einen Fallschirm aus der Aldi-Tüte
fliegst los

extrahierst das Glitzern aus deinen Augen,

um ihm im Dunkeln zu folgen
durch zertrümmerte Tunnel
über vergessene Gleise
extrahierst die Pfeile zum Notausgang
springst mit dem Pfeilschirm aus dem Flieger
es geht weiter

auf die Schatzsuche nach Frieden,

bei der du dir den Regenbogen selbst pisst
ein Sandkorn eingräbst, hoffst es wächst ein Strand daraus

suchst die Essenz des Lebens
in einem Stein
hättest gern
ein pulsierendes Walherz
als Felsen

doch du hast eine Grundangst,
vor dem Boden,
so suchst du nach Steinen
im Dunst

suchst überall

warst auf dem höchsten Berg,
schon zwei Mal,
das zweite Mal war es nicht so schön wie das erste
du kanntest diesmal den Weg auswendig
Sicherheiten verfolgen einen in die Wildnis

steckst in ihnen fest

bist inmitten eines heiteren Fliederfeldes
in Stacheldraht eingewickelt
in der hohen Eiche, hängst du im Käfig,
du siehst die Sonnenstrahlen wie sie von dem Blätterdach gebrochen
ein wahllos perfektes Mosaik bilden

wach auf, es geht weiter!

zögerlich zuckende Hände zerreißen die Umzäunung

du bist frei
Asteroiden prasseln auf dich ein
sie brechen deine Oberfläche auf
die Knöchel kollektiver Erinnerung
hinterlassen Spuren im Kristall

mutierst wie die tiefen Gesteinsschichten über Jahrtausende hinweg
in einem Moment
unter unmenschlichen Druckverhältnissen

die Dornenhecken zerreißen deine Gummihaut

doch du musst zurück zur Stahlbrücke
zurück zur Zivilisation, zum Zynismus
wo sie Aluminiumfolie haben,
um Leber und Hirn fachgerecht zu verpacken 

brauchst eine IKEA-Vase, 

um die Flechten zwischen deinen Zehen
korrekt zu deponieren

mit deinem angespitzten Blick
stichst du in die Menge
in unzählige Augäpfel
die wie Seifenblasen zerbersten

du willst die Glühdrachen der Stadt fangen,
doch der Sonnenaufgang schmilzt den Traum
wie Eis
das Finger, Hoffnung, Zunge
an ein ovales Stück Holz klebt

du willst deinen moosweichen Körper
nicht vom Feinstaub verchromen lassen

wach auf, es geht weiter!

schwebst als wärest du eine Marionette
die Wolken sind dein Puppenmeister
von den Smogschwaden
zurück zum Gebirgsnebel

ein Mensch greift nach deiner Nabelschnur,
du flatterst
ein selbstgebauter Drache
schon weg, bevor du dich losreißt
der Hand, die dich hält, nicht bewusst

wenn das Kind einschläft

wachst du auf, es geht weiter!

ein neues Kapitel beginnen, heißt
ein neues Buch finden,
heißt sich vergessen,
zerrissene Seiten sind deine Hängebrücke

was sind Städtenamen, Straßenschilder, wenn man fliegt?
Bezeichnungen verschwinden im Funkloch
am Boden Gefangene schicken dir Fragen
per Drohne

Wohin willst du?
fort von hier

Woran glaubst Du?
an den göttlichen Wassertropfen
solange er fällt

Was bist du?
unterwegs,
wach,
als gäbe es kein
Ende

 

Wir gratulieren den sechs Gewinner*innen herzlich! Rosa Engelhardt, Yannick Klein, Laura Meroth, Anna Sophia Merwald, Anna Schlechter und Thea Steimer haben dem Spannungsfeld „Heimat“ eigene Ansichten hinzugefügt und überraschende Blickwinkel eröffnet: die „unsichtbare schnur“, die einen mit der Heimat verbindet, wird „beliebig dehnbar“. Die Denkbewegungen reichen von „der porösen polarweißen schulwand“ bis hin zum Liegen „irgendwo auf so’nem Strand / mit grünen Algen in den Nasenlöchern“. „Der Bürgersteig stößt die Schuhsohlen ab“, das Reden „dringt ein in die Gehörmuschel und verläuft sich schlussendlich in Gehirnecken“. „Einen Ort, der seine Koordinaten behält“ gibt es nicht mehr, jetzt wird „gezogen an allen meinen enden in verschiedene richtungen“.

Lasst euch verwirren, orientiert euch immer wieder neu, lest die Gedichte der Preisträger*innen!