Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im Januar

Wettbewerb im Januar 2019

Was passiert, „wenn wir die Wälder verlassen“? Mit dieser Frage und einem Gedicht von Claudia Gabler begann das lyrix-Jahr. Es wird gesprochen von „Sehnsuchtstannen und Dschungelkomplexe“, nachgehorcht zum Miteinander von Tier und Mensch.

lost in the woods.txt

Lukas Friedland
1999

in einer reihe stehen die zombies
starren nach vorn und werden
von asseln überkrabbelt
die den hambi hinter
sich herschleifen und

die streifen am himmel
dehnen sich aus zu
stempelautomaten der
rodungsbescheinigungen

nach vorn denken
und kippen

.
.
.

das tastaturgeklapper
ist so schön laut diese nacht

die vorhänge zuziehen
die lippen spitzen
die heizkörper rosten

über den dämmen
haben sich falten gebildet
ohren abgeschnitten
in horden ein kriechen

immer wenn die schere sich öffnet
strömt luft aus plastikflaschen
es knackt genauso laut wie
in den platzenden rohren
wo sich finger hilfesuchend
am humus festtackern

wenn der boden risse bekommt
ist der fall unaufhaltsam

[manchmal wünsche ich mir
wir würden alle gleichzeitig aufhören
zu atmen]

 

 

Mit Schnee – ein bisschen besser als ohne

Maria Jahn
2001

zwischen rosarotem Oleander
den eine Großtante aus Norden brachte
mit den gläsernen Boxen in denen
wir leben und uns nur in Reflexionen sehen
kann er deine Weisheit riechen die du aus
dem Strohhalm deines Erbes ziehst und
Blasen auf raue Oberflächen pustest
weil der Wind jetzt still steht und wenn
dein Haus brennt dann klappst du den
Laptop zu und zerrst die Decke bis zum Kinn
das nie den Himmel sah und er ahnt dich
zwischen dem Oleander und bleibt ein Zwerg
der zusieht wie die Zweibeiner wieder auf
allen Vieren Kieselsteine picken weil
jemand ihr Kabel gezogen hat zum Ende
es regnet schwarzes Konfetti und deine Probleme
sind ihm nicht wichtig genug denn du versinkst
in blauen Pfützen die aus deinen Blasen aus deinem
Strohhalm aus Plaste laufen wie die Meere einst
von dieser Welt und ich sage ich verzichte und alle
deklarieren dass die Bücher im Regal liegen aber
die Bücher sie brennen auch haben das Feuer aus
unseren Herzen genommen und jetzt sitzt er da
zwischen dem Oleander aus Norden und weiß
dass die Sonne wieder aufgehen wird aber die
Menschen ohne Helligkeitsregulation auf Bildschirmen
stets im Dunkeln stapfen werden
Nur wer gestern schon an morgen dachte
weiß dass er sein heute genießen kann
und wenn wir denken uns trifft's nicht
sehe man sich die reale Welt einmal an
und falls es ein Leben nach dem Tod gibt
wie sollte die Welt dann sein in der wir ewig leben?

[Dieses Gewirr wurde in 5 Minuten gesponnen
was sind wir ehrlich zu viel ist denn die Zeit sie
                                                                rennt

                                                                        davon]

Und wir schufen die Welt

Hannah Klesitz
2003

Wer sagt dass Sterne nicht nur
Fackeln dunklerer Höhlen sind
Und der Mond ist ein Spiegel
Und das Meer eine Wüste
Der Wald ist verbrannt weil wir ihn löschen
Die Sonne ist kalt unter Schirmen im Schatten
Der Dschungel ist tot wie Säureregen

Wir fliegen auf Stahl
Wir fliegen!
Wir können nicht fallen!
Unsinkbar!
Unsterblich!
Wir können nicht fallen und ersticken an Luft

Wer sagt dass wir Leben
Obwohl wir sterben
Wir föhnen Eis damit es ertrinkt
Ich schreie leise
Ich schreie nie
Ich schreibe ein stummes Lied
Wir stapfen und trampeln und brennen und lodern
Wir töten und foltern und fressen und sind
Monster aus grauem Fleisch

Wer sagt Eins und Eins sind Zwei
Wenn wir alles Papier zerreißen
Am Anfang schuf die Welt uns
Und wir schufen die Welt
Ich schmecke das Ende wie Staub auf der Zunge
Es wird trocken und nass
Ewig und Endlich
Wir setzen alles in Flammen
Und wärmen uns am Feuer
Brandblasen auf ertränktem Boden

Am Ende brennen wir selbst

 

 

valentinstag 2056

Laura Meroth
2003

wir sind ein paar

hand in hand spazieren wir über den friedhof der bäume hin und wieder steigen wir über ein baumstumpfgrab die holzspanstaubkörner die du dabei aufwirbelst schießen im kollektiv auf mich zu und knebeln meine blicke nur mühevoll kann ich sie wieder befreien

im einstigen waldboden hausen die einsamen wurzeln wir horchen ihrem lied sie wimmern klagen heulen im kanon trauern wie mütter um ihre kinder man hat sie ihnen entrissen und auf baggern zum nächsten waisenhaus auch möbeldiscounter genannt kutschiert bis heute sind die wurzeln auf der suche diese ruhelosen friedhofsgeister werden nicht so schnell aufgeben ignoranz ist die beste waffe denke ich und stopfe mir staub in die ohren

ich schaue dich an während du dich im kreis drehst dein lachen verbrennt in der flimmernden hitze ehe ich es auch nur erahnen kann und deine haare flattern im erstarrten wind meine lippen formen die drei magischen worte senden sie dir zu doch auf halber strecke zerschmilzt die magie in der luft und steigt gasförmig in den hustenden himmel auf

ein rabe jault die sonne an sein lied strotzt nur so von dissonanzen seine federn bestehen aus hundertprozentiger asche sie schneien still und sanft und glühend heiß auf uns herab einige ascheflocken verfangen sich in deinem haar ich will sie behutsam herauszupfen aber verbrenne mir prompt die finger

wir rufen verzweifelt nach der romantik doch nicht einmal das echo antwortet hand in hand mit der romantik hat es sich wohl vor langer zeit aus dem staub gemacht man kann es beiden nicht verdenken aber dafür hat sich die hoffnungslosigkeit eingenistet gerade nimmt sie ihr bad in einem verdorrten flussbett und winkt uns fröhlich zu schwärme von fischen flitzen um ihre gebräunten beine herum unter anderem aluminiumaale und bierbüchsenbarben ordentlich gereihte baumskelettsoldaten bewachen das geschehen ihre knochigen äste wie gewehre der sonne entgegengestreckt als wollten sie sie erschießen wir machen schnell kehrt als sich die soldaten nach uns umdrehen und laufen vor der schuld davon

Tierliebe

Lara Zoe Ritter
1999

Nicht-Natur
betrübtes Schwein
klärt ihr den getrübten Wein
mit dem sie seine Brust genießt
den Bratensaft, der in sie fließt
Strohhalm noch in ihrem Mund
einen Monat später
im Schildkrötennasenloch.

Maquillage Blamage
würd sie Ausschlag bekommen
bis auf Ratatouille
sind Ratten hässlich
bei ihnen ist es schon egal
und wird Küken mal Hahn
Kopf ab mit ihm
es wünscht sich
eine Tierguillotine
damit es nicht so schmerzt.

Homo sapiens
sie weiß
Schimpansen gehören
in Zoos abstrahiert
wie Wale an Strände
mit Ölschicht verziert
während Eis seinem Bären
nicht mehr friert.

Jaws heißt
der Horror des Hais
wenn Kiefer
seine Flossen zermahlen
und er zu Boden sinkt
wo ihr Fehlen ihn umbringt
sie schwimmen in
ihrer Suppe.

Java-Nas-
Horn als Medizin
für Leben, die wichtiger sind
als seins, die fragen:
Was ist Kunst?
Der Karettschildkröte ihr Schildpatt
sie ist ihm erst satt
wenn das Meer keine mehr hat.

Den Pudel
führt sie an
der Leine
und spendet Geld an Tiervereine
weil sie von jeher tierlieb war
ist sie immer für sie da.

Abstieg/Aufstieg

Charlotte Wiesner
2000

Wenn man den Wald verlässt
dann ist man entweder
fast ganz unten
oder fast ganz oben 

ist es leicht
fällt der Asphaltboden ab
wieder Menschen
wieder Straßen
und das ist ganz unten 

oben grün blau weiß graue Verheißung
vielleicht auch ein Läuten
(meistens Läuten wenn man es
sich vorstellt)
und das ist fast ganz oben

Es gab viele Einsendungen und unzählige sprachliche Antworten und Nachforschungen. Wir danken euch für eure Texte und gratulieren den sechs Gewinner*innen: Lukas Friedland, Maria Jahn, Hannah Klesitz, Laura Meroth, Lara Zoe Ritter und Charlotte Wiesner!

Die vernichtenden Spuren der Menschen kommen zur Sprache, ebenso die Schöpfung und der Schnee, alles wird zu beeindruckenden Bildern: zombies „werden von asseln überkrabbelt, die den hambi hinter sich herschleifen“ und „wird Küken mal Hahn / Kopf ab … es wünscht sich eine Tierguillotine damit es nicht so schmerzt.“ Es vergeht einem der Appetit, aber das ist vielleicht auch gut so angesichts des Leidens, das der Mensch verursacht: „Am Anfang schuf die Welt uns / Und wir schufen die Welt / Ich schmecke das Ende wie Staub auf der Zunge / … Wir setzen alles in Flammen“. Gibt es Hoffnung, vielleicht „zwischen rosarotem Oleander“ oder „oben grün blau weiß graue Verheißung“?

Wir hoffen und schreiben weiter und wünschen eine spannende Lektüre!