Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im Februar

Wettbewerb im Februar 2019

Im Februar habt ihr darüber nachgedacht und nachgedichtet, was sich „nicht beugen, nur brechen“ lässt. Die Worte finden sich in dem Gedicht „Antikes Glas“ von Tobias Roth. Es war eine Vase aus dem Museo Civico Archeologico in Bologna, die ihn zu diesen Zeilen inspiriert hat: „Manchmal erblickt man etwas…, unerwartet, plötzlich umwerfend. Der Anblick verfolgt einen…“. Ihr habt die Verfolgung aufgenommen und fast hundert wunderbare Texte geschrieben. Vielen Dank! Sechs davon überzeugten die Jury allen voran, wir gratulieren den Gewinner*innen: Noah Baron, Rosa Engelhardt, Hannah Klesitz, Vivian Knop, Angelina Schülke und Maudi Sumalvico!

Keine Gegenwehr

Noah Baron
2005

Hello Kitty aus Stoff, liegt zerrissen am Boden.
Schnelle Autos leben kürzer.
Ein blubbernder Imbiss verkauft überdosierte Lebensmittel an Passanten. 
Gullydeckel rülpsen in den Moment.

Polizisten mit Löwenzahnhosen blicken in die Tiefen des Nichts.
Ameisen rufen sich wildgewordene Mäuse als Taxi.


Kinder spielen auf bröckelndem Beton.
Am Himmel kratzende Häuser werfen meterlange Schatten.
Der Schreckhaube fehlt eine Schraube.
Dem Tankwart wächst als Hut ein grüngestreifter Bart. 

Menschenmassen aller Klassen, die sich gegenseitig hassen und nie voneinander lassen, blockieren den Verkehr.

Das Klima leistet keine Gegenwehr.

spaghettisplitter am boden

Rosa Engelhardt
2001

deine hände beugen die spaghetti
schlagen eine pastaparabel mit
nullstellen zwischen deinen fingern
bis ein knacken das brechen verrät
du musst sie kochen, sage ich
doch du isst nudeln lieber roh
auch wenn es in der kehle kratzt
vielleicht ist deine magensäure
dann nudelwasser

du hast dir den arm gebrochen als
du sprangest, wovon, sagst du nicht
eingeschient liegt er jetzt auf dem
bettlaken, darauf die kullinamen
deiner freunde, es ist noch viel
platz
ob es nudeln gibt, fragst du
im krankenhaus ist das essen
immer vergart, so schmeckt
es dir nicht

dich plagen in letzter zeit
bauchschmerzen, dein dick
kopf passt nicht mehr unter
die bommelmütze, die immer
so schön wippte mit jedem
kopfschütteln
das nudelwasser in deinem
bauch hat zu kochen angefangen
und du er
brichst die blubbernden
blasen im strahl
es kann serviert werden, sage ich 

cekonhn

Hannah Klesitz
2003

SIE schälen mir die worte von der zunge
und hören was SIE wollen
worte zerfallen schneller
als lippen
tränen fließen schneller
als blut

muskeln verkümmern unter IHREN fingern
und SIE sehen was SIE wollen
ketten rasseln leiser
als münzen
türen schlagen leiser
als fäuste

lasst mich atmen
ich kann
nichtersticken
nichtertrinken
nichterbrechen
nur zerfallen
blick, wort und nichts
mir geht es gut

lungen füllen sich mit vakuen
fasern zerreißen
flügel zerfetzen
SIE betrachten das skelett
das SIE abnagten
mit abscheu
meine knochen klappern im takt IHRER herzen

nach hilfe fragen
um hilfe winseln
auf kalten badezimmerfließen
ich bin nicht blöd
mir geht es gut
SIE haben mich zerschlagen
und wollen nicht in meine scherben treten
SIE durchbohren mein herz
und zählen meine rippen

vergesst meine schreie

asche regnet schöner
als staub
menschen splittern schöner
als knochen

wer sich nicht beugt
wird gebrochen

Das rote Elend

Vivian Knopf
1999

Ohne einen Sprung darin
sitzt sie an diesem Morgen
wieder auf meiner Fensterbank
als wäre das ihr Zuhause 
und nicht meins

Ihr Haar ist dünner 
Aber jede Rundung in ihrem Gesicht
ist dieselbe wie beim letzten Mal 

Und obwohl ich die Splitter fühle
die in meinem Hals stecken 
als ich ihr sage
dass sie nicht bleiben kann
Ist da keine Kante

Sie schließt wo sie beginnt
Ergibt überhaupt keinen Sinn
Und lässt sich doch mit keiner
Logik besiegen
Weil das nicht das Spiel ist
das sie spielt

Ihre rote glatte Haut
starrt nur unnachgiebig zurück
Und beim Hindurchsehen
Und man kann nicht anders als hindurchzusehen
sich die Nase am kalten Glas platt zu drücken
So dass dort kein Zentimeter Luft mehr ist
taucht sie alles in ihr Elend
tausend sorgfältig aufgetragene Schichten tief
und in jeder dieser Schichten sitzt es

Im viel zu grellen Licht
das hinter meiner Stirn sticht
nimmt sie erbarmungslos aller
Schönheit ihre Unbestimmtheit
zwingt mich hinzusehen
jede Furche wahrzunehmen
danach zu tasten

verlängert jede unbekümmerte Linie
    ins Endlose 
                          zerrt sie ins Groteske
       und lässt sie so zurück

Weil sie traurig ist.

Und es zittert und bebt
Lässt sich nicht besänftigen
nicht beugen
nur brechen

Und dann lacht sie
Und ich laufe
jetzt los
springe
hinein
durch es hindurch
und ich kann nur hoffen
dass es platzt
zerbirst
zersplittert
springt

(ohne titel)

Angelina Schülke
2003

I.
deine träume hängen dir
noch an den lippen
ein ewiges versprechen

tau perlt von
den fingerkuppen
der blick flieht
vor vertrautem
meine hand schwebt
über deiner

ich öffne den mund
doch du redest
weiter von wünschen
und zukunft

voller ideale
die dir das herz füllen
bis es zerspringt
und du die scherben
in die haut nähst.

II.
die sonne tropft
auf die wellen
helle lichtpunkte
schaukeln auf der oberfläche 

wäre ich damals mit dir
gegangen
hättest du gefragt
?

sie
sind nur deinen worten
gefolgt nicht dir
haben dich angebetet
und du bist
in ihre arme gerannt
wie ein kind

es waren nicht
allein deine
träume
weißt du
irgendwann mal unsere
wäre ich stark genug gewesen
aber was bleibt davon
wenn sich die schale
auflöst das gehäuse
tonlos entweicht

wasser schwappt über mich
die lichtstrahlen bohren sich
durch die wellen
zerbrechen daran
in alle richtungen gespreizt
sinken sie hinab

gebrochene gliedmaßen
die finger starr
nicht gekrümmt
stumpfer blick doch
die träume hängen dir
noch an den lippen -
dein ewiges versprechen. 

winterschlaf bis freitag

Maudi Sumalvico
2000

und es prasselt von da draußen eine ganze wortflut auf uns ein
durch bildschirme und glasige augen bis tief in unser herz
es erschüttert uns
aber wenn man etwas nicht fassen kann
dann kann man auch nichts halten
und wir uns schon gar nicht zurück

wenn wir hören man könne es sich nicht vorstellen dass
kinder ohne äußeren einfluss nun plötzlich protestieren möchten dann
kränkt uns das (und heimlich schämen wir uns auch)
und wir werden wütend auf alle die noch vor sich hinstarren
staubbedeckt und mit niedrigem blutdruck die zweite petition am smartphone unterschreiben
das war dann aber auch das höchste der gefühle! 

und wenn wir uns dann zu zehntausenden zusammenfinden und froh sind
weil unser
hilfloses verrostetes resignieren
ein ende hat
dann fühlt es sich an als würde zum ersten mal seit langem wieder etwas in bewegung geraten
und dann stehen wir hier und beissen uns durch die hässlichen verbitterten tweets denn
wir sind hier nicht vor einem bildschirm und schon gar nicht in der schule
wir erzählen uns jetzt selber was.

In „Keine Gegenwehr“ begegnen wir „Hello Kitty“, sie liegt zerrissen am Boden. Am Boden finden sich auch die Spaghettisplitter des nächsten Gedichts. „deine Hände beugen die spaghetti // schlagen eine pastaparabel mit // nullstellen zwischen deinen fingern // bis ein knacken das brechen verrät“. In „cekonhn“ wechselt der Schauplatz von der Küche ins Badezimmer „SIE haben mich zerschlagen // und wollen nicht in meine scherben treten“. Der Text „Das rote Elend“ entführt uns ins Schlafzimmer und in Angelinas titellosen Zeilen geht es um Träume. Die Orte wechseln, immer wieder geht etwas oder jemand kaputt, setzt sich wieder neu zusammen und entflieht endlich in „winterschlaf bis Freitag“ dem begrenzten Raum vor und hinter den Bildschirmen hinaus auf die Straße, „weil unser hilfloses verrostetes resignieren // ein ende hat“.

Viel Freude beim Durchbrechen und Aufbrechen in der Lektüre!