Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im April

Wettbewerb im April 2019

„Sein Drohen sah wie Gähnen aus“ – mit dieser Zeile aus seinem Gedicht „Der Beutelwolf“ schafft Mikael Vogel ein Bild für den absurden sowie selbstzerstörerischen Umgang des Menschen mit seiner Umwelt. Das Drohen, was gar keins war und sein konnte, stellte das Thema im April und inspirierte viele Texte rund um die Themen Vergänglichkeit und Ausrottung wie auch sprachspielerische Veränderungen der Zeile selbst, frei nach dem Motto: „mit einem gähnen drohst du mir das Ende an“. Vielen Dank für eure Einsendungen!

origami

Rosa Engelhardt
2001

mit einem gähnen drohst du mir das ende an, es
sitzt umspannt von silbervergitterten zahnreihen, die
eben noch extra kauten
das essen und trinken hast du vergessen
schon seit die decke falten schlägt
weil ich einmal sagte, dass mich
das an deinen bauch erinnere
seitdem hast du keinen bauch mehr, nur
die rippenstäbe unter epidermisschichten
das ende hat deinen mund verlassen, es
schwebt jetzt irgendwo im raum
vielleicht ist es in die deckenlampe gestiegen
oder im ventilator in
end end end end end
stückchen zerfleddert worden
du erhebst dich von der decke, die
falten ändern ihren wurf, ihr
muster ist schön-
er als dein rücken, der
jetzt im bad verschwindet, dein
fünfter wirbel ist so krumm
ich mag die decke lieber, denn
ich weiß was du im bad machst
du musst dem ende noch eins hinterherkotzen
dabei liegt es doch schon am boden
der ventilator schraubt, übertönt
deinen toilettengesang, währenddessen
fallen die deckenfalten in sich zusammen

wien, februar 1917

Nora Hofmann
2000

ich denke dich und damals als du gegangen bist / der krieg auf ein semester gelegt
nur ein semester dann sieg und wiederkehr nur ein semester / und nun lärmt und pocht und kratzt es noch immer / und nun seit vier semestern krieg und keine wiederkehr.
die hölle hat mich in besitz genommen 
ich vermisse dich so höllisch / hörst du es
fühlt sich an als hätte man mich durchbohrt
auseinandergenommen und in falten wieder
zusammengekehrt / und wenn es einen gott gibt
wenn es ihn gäbe so hätte er sich schon längst in brand gesetzt.
damals als du gegangen bist ein bild von dir / nun wie ein rosenkranz in meinen händen / ich taste die bildschatten wie perlen ab / sie halten mich hier und
und halten mich davon ab dass es mich zerreisst deine abwesenheit mich auseinander reisst /
vergiss nicht ich halte dein bild nah bei mir / halte es frei 
von staub und von vergessen / es ruht jede nacht an meiner wange 
hörst du ich vergesse dich nicht / ich sehe dein gesicht und deine kieferknochen
du im distelfeld am rande von floridsdorf / du gähnst und dein gähnen sieht wie eine
drohung aus / und trotz dieses gesichtsausdruckes trotz deines aufgerissenenen mundes /
ist dieses bild mein lieblingsbild von dir /
weil es das einzige bild ist das ich von dir habe. 
ich erinnere mich dir / ich denke dich in deinen lippenfalten deinem offenen mund und deinen kieferknochen / ich denke dich in deiner hand die sich vorsichtig um eine distel legt /
und ich will in das bild hineingreifen /
dir die finger von deiner hand pflücken / die finger die sich vorsichtig um eine distel schliessen / ich will dir die finger von deiner hand pflücken um sie an mich zu legen /
an meinem mund / dessen schrei sich in manchen nächten durch nichts mindern lässt. 

Fotoalbum einer (ganz schön großen) Familie

Laura Meroth
2003

[...]

Foto Nummer ___ zeigt:
Eine Auktion auf dem Schwarzmarkt
"2700 Dollar! Wer bietet mehr?"
Der finale Geldbetrag ist nicht bekannt,
nur so viel:
Mindestens das Gewissen muss geboten worden sein,
für ein Stück toten Elefanten

[...]

Foto Nummer ___ zeigt:
Einen sinnlosen Namen
und ein über-flüssiges Tier,
w e n   n   d a  s     E        i s     i    n     B     ä c    h e  n     z      e r         f    l i           e ß t
Und ein Eisbär ohne Eis ist nicht einmal ein einfacher Bär,
sondern ein toter

[...]

Foto Nummer ___ zeigt:
Einen Schneeleoparden, dessen Fell ihm zum Verhängnis wurde
Sein Jäger würde nur schwache Argumente bringen, wie:
"Wäre das Fell nur nicht so schön, dann ..."
Würden Schneeleoparden nur nicht existieren, dann ...
Gäbe es nur keine Tiere auf der Welt, dann
a) könnte man keine Arten mehr ausrotten
b) gäbe es uns auch nicht

[...]

Foto Nummer ___ zeigt:
Ihren (tierischen) obdachlosen Verwandten,
den Schimpansen
Das grün angestrichene Mehrfamilienhaus, in dem er lebte,
wurde abgerissen
Hier ist er auf der Suche nach einer neuen Wohnung
und irrt durch die Straßen
Es ist nur eine Frage der Zeit,
bis er Räubern zum Opfer fällt

[...]

Foto Nummer ___ zeigt:
Einen Sägefisch vor Gericht
"[...] wegen des illegalen Waffenbesitzes", begründet der Richter
und nimmt ihm besagte Waffe eigenhändig ab
Dem Fisch ohne Säge steht die Todesstrafe bevor
Aber Hauptsache, der Richter hat eine neues Schmuckstück für seine Fensterbank

[...]

Foto Nummer ___ zeigt:
Leere Nester, über denen die Stille hängt
wie ein nasser Pullover auf der Wäscheleine
Jemand muss beim Mähen der Wiesen
ebenfalls den Gesang der Feldlerchen zerschnitten haben
Durchtrennte Töne liegen zwischen Grasstoppeln verstreut auf der Erde
Vielleicht kann man sie einsammeln und in Trillerpfeifen füllen,
um die Stille kaputt zu blasen

[...]

Foto Nummer ___ zeigt:
Eine Art, die zunächst unsterblich scheint,
denn sie hat keine natürlichen Feinde
und herrscht unerbittlich über die Erde
Bis die Regierungsära dieser repressiven Art ein (absehbares) Ende findet
Eine kleine Korrektur:
Die beschriebene Art hatte sehr wohl einen Feind
(der für ihre Auslöschung verantwortlich war),
nämlich
sich selbst

Sie sahen:
Eine unwahrscheinlich kleine Auswahl an Mitgliedern der Familie " Ausgestorbene Tierarten"
Viel Spaß beim Einkleben weiterer Fotos!

Anm. 1:
Dieses Album reicht übrigens weit in die Zukunft
Es könnte also sein,
dass einige der Arten
besagter Familie
zu Ihrer Zeit noch nicht angehören
Noch

Anm. 2:
Es liegt an Ihnen,
die ___ mit Zahlen zu füllen
Egal, mit welchen
Hauptsache, sie sind
HOCH
genug

im glas der fenster spiegeln sich rosinen

Tim Schäfer
2000

tonnenschwer
kämpft sich der schmetterling über das
abendgras. raben sitzen als statuen auf hausdächern
gereiht zwischen allerlei gefieder der
immergleiche adler man hat ihn seinerzeit
noch nie fliegen sehen. im glas der fenster
spiegeln sich rosinen. eine großmutter hatte
sie dort hingelegt für ihre amsel sie kommt
nun schon seit drei jahren nicht mehr.
stetig schleichend kriecht auf dem asphalt
ein regenwurm in eine plastikflasche er hielt
sie versehentlich für sein zuhause als er wieder
hinauskroch hoffte er dass ihn niemand
gesehen hatte dem war auch so kurz
darauf klebte er am autoreifen.

ein bisschen unangenehm war es der
tischgesellschaft schon als die biene in
der kunstblume nach nektar suchte.
einer öffnete die tür und scheuchte
sie raus danach aßen sie weiter
das fleisch schmeckte allen gut.

am nächsten morgen wunderte sich
das kleine mädchen warum
das hundekörbchen leer war

O p a

Lotti Spieler
2004

 

du bist viel zu
groß
um nicht
intelligent
zu sein
und trotzdem
löst sich da
haut
von deinem ohr
und du veraschst von
innen.

deine lungen sind mit
sand
gefüllt
auch wenn
du es
leugnest,
beim sprechen
fliegt dir
manchmal
ein einzelnes
korn
aus dem mund. 

merkst du eigentlich,
wenn
der hund
ab und zu
an deinen
füßen
nagt
oder betäuben
deine
aquamarinblauen
pillen
dich zu sehr?

die
kornblumen
stehen da auch schon
seit
letztem jahr
und gammeln
vor sich hin
wie
du
bei dir riecht es
kühl.

 

wann bist du nur so
verbraucht
geworden?

 

 

In drei Schritten zur Zukunft der Menschheit hüpfen

Sarah Stemper
2001

Jahr keine Ahnung
Etikettierung war zu weit
vorangeschritten
Jeder Mensch ein
Abfallprodukt, per
radioaktivem QR-Code
scannbar
Viehmarkt twentieth generation
Road to organisierter
Menschen-Organ-Hormon-Cyber-Handelskriminalität
von der Regierung frei gekehrt 

Ort keine Ahnung
Nur noch Staubwüsten
überall
Hätten die Reichen
bestimmt gern als
Make-Up-Powder 10.0
verwendet
Schließlich waren auch
die Schweißtropfen und Tränen
nie gehörter Soldaten Aktivisten Kinder
schöne Perlenketten für die 

Wer weiß schon
den Grund für das alles?
Die Ignoranz der Menschen
roch ja nur nach
Walparfüm und verfetteter
McDonaldisierung
Auch Google, der alte
surveiller, konnte nicht
sagen, ob die Menschen
jetzt an
Krieg Umwelt Hunger Selbstmord Grausamkeit Leichtsinnigkeit
verreckten

(Designer-Baby-Gen-Asse
waren nur herrschsüchtiger,
Blutegelmutationen halt) 

Konnte es wer erahnen?
Das Selbstzerstörungsprogramm
der Menschen
sah doch nur wie
das Wiederaufleben
von Tragödien
längst vergessener Autoren
aus

Was spricht also gegen
wörtlich mit ins Grab
genommene
Kultur?

[wenn wir tierischsten aller tiere sie je hatten]

 

Die Monatsgewinne gehen diesmal an Rosa Engelhardt, Nora Hofmann, Laura Meroth, Tim Schäfer, Lotti Spieler und Sarah Stemper. lyrix gratuliert sehr herzlich und wünscht allen eine intensive Lektüre!