Monatsthemen

und Gewinner

Sein Drohen sah wie Gähnen aus

Die Jury hat entschieden!

Wettbewerb im April 2019

"Sein Drohen sah wie Gähnen aus" - das ist unser Thema im April. Die Zeile beschreibt den vor Jahrzehnten ausgestorbenen Beutelwolf. War er längst nicht so gefährlich, wie ihm nachgesagt wurde? Mikael Vogel erzählt die ganze Geschichte in seinem Gedicht "Der Beutelwolf". Passend dazu seht ihr einen präparierten Beutelwolf, der bis 1904 im Berliner Zoo lebte und jetzt im Museum für Naturkunde Berlin ausgestellt ist. Wir freuen uns auf eure Texte rund um verschwundene Tierarten!

Der Beutelwolf

Mikael Vogel

Tasmanien war ganz und gar sein.. geschützt
Im mütterlichen Beutel aufgewachsen scheute er keinen
Kampf, ging meist als Sieger hervor. Jagte auf langen Streifzügen
Wombats, Wallabys, Possums, Kaninchenkängurus, Forellen. Dann
Ankunft der Siedler aus Europa. Rodeten Wälder für Weideflächen
Drängten ihn ab, seine Beute immer rarer. Konnte den Unterkiefer
90 Grad weit aufklappen – sein Biss jedoch zu schwach für die Schafe
Die zu reißen die Schafindustrie ihm vorwarf. Per Kopfgeld beseitigt worden
Die seine Insel kolonialisierende Van Diemen's Land Company so ihr
Missmanagement vor den Aktionären in London verschleiernd, die Abschussprämie
Mit der Zahl vorgelegter Kadaver steigernd – bald beschloss die Regierung Budgets
Zur Aufrechterhaltung des Vernichtungsdrucks, verbuchte jährlich Einsparungen
Weil der Beutelwolf auszubleiben begann. Auch Tasmanischer Tiger genannt
Seine Gefährlichkeit übertreibend. Angeblicher Vampirismus an Schafshälsen ver-
Biss sich in der wissenschaftlichen Literatur. Sein Drohen sah wie Gähnen aus.
Der letzte Beutelwolf starb in der Nacht des 7. September 1936 in einem
Zookäfig in Hobart, bei Wintertemperaturen aus seinem Schlafquartier ausgesperrt.
Die Regierung hatte ihn zur geschützten Art erklärt 59 Tage zuvor. Eine
Nachzucht war in den Zoos ein einziges Mal gelungen

 

(aus: Dodos auf der Flucht. Requiem für ein verlorenes Bestiarium, Verlagshaus Berlin 2018)

Längst nicht so gefährlich wie gedacht? Zu erschöpft, um wirklich bedrohlich zu sein? Eine tragische Figur, die nicht ernst zu nehmen ist? Diese und noch viel mehr Assoziationen stecken in der Zeile „Sein Drohen sah wie Gähnen aus“, die aus dem Gedicht „Der Beutelwolf“ von Mikael Vogel stammt. Und ebendiesem Tier widmet der Lyriker seinen Text. 1936 starb das letzte Exemplar des Beutelwolfs in einem kleinen Zoo in Tasmanien und steht seitdem auf der Liste der ausgestorbenen Tierarten. Ausgestorben ist er letzten Endes durch Menschenhand, Farmer sahen ihn als Bedrohung für ihre Schafherden, so dass ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt wurde. Doch war er wirklich so gefährlich?

Mikael Vogels Gedicht über den Beutelwolf ist Teil einer ganzen Sammlung von Texten über verschwundene und vergessene Tierarten, die er in seinem Band „Dodos auf der Flucht“ zusammengetragen hat. Gegliedert in „Zeitkapseln“ erzählt er von historischen Ausrottungsgeschichten und arbeitet sich vor bis zu einem Kapitel über vom Aussterben bedrohte Tierarten – das mittlerweile schon nicht mehr aktuell ist. Einige der dort genannten Tiere sind in der Zwischenzeit ausgestorben. Mikael Vogels Band ist somit nicht nur Lyrikband, er ist auch Nachschlagewerk, „Zeitzeuge“, Geschichtenbuch und wissenschaftlicher Text.

Schickt uns im April eure Gedichte zum Thema „Sein Drohen sah wie Gähnen aus“! Schreibt über verschwundene oder bedrohte Tiere, den Einfluss des Menschen auf die Tierwelt, Naturphänomene, wundersame und faszinierende Tiere. Oder übertragt die Gedichtzeile auf eine andere Situation: Wessen „Drohen sah wie Gähnen aus“? Wer war längst nicht so gefährlich wie befürchtet? Wir freuen uns auf eure Einsendungen!

Mikael Vogel, "ein Experte für Tierlyrik", so der Tip Berlin, wurde 1975 in Bad Säckingen geboren und lebt seit 2003 in Berlin. Er schreibt vornehmlich Lyrik und Essays, daneben auch Prosa, und übersetzt aus mehreren Sprachen. "Ein epochales Werk", hat Fixpoetry über seinen aktuellen Gedichtband 'Dodos auf der Flucht. Requiem für ein verlorenes Bestiarium' (Verlagshaus Berlin,2018) geurteilt; Gedichte daraus wurden 2016 beim Lyrikpreis Meran mit dem Medienpreis RAISüdtirol ausgezeichnet.

Vier weitere Gedichtbände sind bislang erschienen: 'Morphine' (Verlagshaus Berlin, 2014),'Massenhaft Tiere' (Verlagshaus Berlin, 2011), 'O Wildnis Dunkelheit! – Nachtgedichte' (Offizin S.Meran, 2009), 'Kassandra im Fenster' (mit Friederike Mayröcker und Bettina Galvagni, Offizin S.Meran, 2008). Bei SuKulTuR erschien 2016 seine Erzählung 'Ebola Global'. 2002 erhielt er das Hermann-Lenz-Stipendium. 2015 wurde er mit dem yakiuta-Stipendium zur Recherche nach Hokkaidō, Japan geschickt, im Rahmen dessen wird 2020 ein Gedichtband mit Japangedichten erscheinen. 2017 Aufenthaltsstipendium der Kulturstiftung Rhein-Neckar-Kreis e.V. im Kommandantenhaus Dilsberg. 2019 Literaturstipendium des Landes Baden-Württemberg.

Friederike Mayröcker nahm 2012 zwei Gedichte von Mikael Vogel in die Liste ihrer 25 Lieblingsgedichte auf.

Beutelwolf
Der Beutelwolf (Thylacinus cynocephalus) gehört wie Känguru, Wombat und Koala zu den Beuteltieren. Er lebte auf dem australischen Kontinent und wurde auch Tasmanischer Wolf, Beuteltiger oder Tasmanischer Tiger genannt. Heute existieren nur noch Beschreibungen, alte Fotografien und Filmaufnahmen und einige wenige Präparate in naturkundlichen Sammlungen. Durch die Konkurrenz mit dem vom Menschen eingeschleppten Dingos und die Jagd auf ihn durch den Menschen, ist der Beutelwolf bereits seit etwa 100 Jahren ausgestorben. Das im Museum für Naturkunde Berlin ausgestellte Tier lebte bis 1904 im Berliner Zoo und gelangte nach seinem Tod in das Museum.

Das Museum für Naturkunde Berlin erforscht als global agierendes, interdisziplinäres Forschungsinstitut der Leibniz-Gemeinschaft an seinen mehr als 30 Millionen Sammlungsobjekten die Entstehung der Erde und des Lebens. Die Ausstellungen des Museums geben beeindruckende Einblicke in die Forschungsarbeit am Museum. Herausragende Beispiele hierfür sind der Tyrannosaurier Tristan, das Original des seltenen Urvogels Archaeopteryx lithographica, das Skelett des Dinosauriers Giraffatitan brancai, die Biodiversitätswand sowie die begehbare Nass-Sammlung. Zahlreiche Veranstaltungen und Bildungsangebote wie der Science Slam, das Mikroskopierzentrum und auch Naturblick – eine App zur Berliner Stadtnatur sowie viele weitere Angebote vermitteln neueste Erkenntnisse und inspirieren dazu, sich selbst für Natur einzusetzen.

www.museumfuernaturkunde.berlin

Die Jury hat entschieden!