Monatsthemen

und Gewinner

einschüsse wie sommersprossen

Die Jury hat entschieden!

Wettbewerb im März 2019

„einschüsse wie sommersprossen“ heißt unser Thema im März. Und dabei geht es um Widersprüche zwischen Schönheit und Gewalt, Gegenwart und Vergangenheit, Erinnern und Vergessen. Inspiration gibt es von Max Czollek und seinem Gedicht „brücke über die drina“ und einem Stationsschild des Bahnhofs Podelzig aus der ständigen Ausstellung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden.

brücke über die drina

Max Czollek

auf einer fahrt ist es
herbst geworden
in wischegrad
die häuser tragen
einschüsse wie sommersprossen
felder reifer kreuze
am straßenrand

hol die saat ein

wer jetzt allein ist
weckt erinnerung
in gläser ein dreht wachs
um isolationsdrähte
an den bäumen die granatäpfel
leuchtende kinderfäuste

 

(aus: Druckkammern, Verlagshaus Berlin, 2012)

Ein von Sommersprossen gesprenkeltes Gesicht – dieses Bild weckt verschiedene Assoziationen, vielleicht frech, fröhlich, wild. Wenn die Sommersprossen allerdings wie Einschüsse wirken, kommt es zu einer beklemmenden Umkehrung des eigentlich friedlichen Bilds. Brutal und grausam wirkt es jetzt. Mit diesen und weiteren Ambivalenzen spielt Max Czollek in seinem Gedicht „brücke über die drina“. In ihm zeichnet er das Bild einer Landschaft, deren herbstlich-sonnige Gegenwart sich mit einer blutigen Vergangenheit überlagert. Male der offensichtlich von Krieg geprägten Vergangenheit sind Häuser, die als Narben „einschüsse wie sommersprossen“ tragen. Dies führt zu der schwer emotional greifbaren Situation von gleichzeitiger Schönheit und Grausamkeit. Die Vergangenheit ist und bleibt Teil der jetzigen Landschaft, die Erinnerung an sie kann man in einem Einweckglas mitnehmen und - wenn man will -, wieder „öffnen“ (Z. 10/11). Welche Saat ist hier, in dieser Landschaft, zu holen?

Schickt uns im März eure Gedichte zum Thema „einschüsse wie sommersprossen“. Schreibt uns von euren Erinnerungsorten, an den sich Vergangenheit und Gegenwart ambivalent überlagern. Zeichnet gegensätzliche Bilder von Schönheit und Grausamkeit. Wie kann dem Vergessen entgegengewirkt werden, wie können wir Erinnerung „konservieren“?

Wenn ihr mehr zum Hintergrund von Max Czolleks Gedicht und seinen Referenzen wissen möchtet, werft einen Blick in die folgenden Materialien!

Max Czollek
Geboren 1987 in Berlin, lebt ebenda. Seit 2009 Kooperation im Lyrikkollektiv G13 bei gemeinsamen Lesetouren, Schreibwerkstätten und Veröffentlichungen. Seit 2013 deutscher Kurator des internationalen Lyrikprojekts Babelsprech zur Vernetzung junger deutschsprachiger Lyrik (babelsprech.org). Im Verlagshaus Berlin erschienen die Gedichtbände „Druckkammern“ (2012) und „Jubeljahre“ (2015). Das Theaterstück „Celan mit der Axt“ wurde 2017 am Berliner Maxim Gorki Theater, Studio Я uraufgeführt. Für seine künstlerische Arbeit erhielt er zuletzt den Bonner Literaturpreis 2017 sowie das Residenzstipendium der Kulturakademie Tarabya, Istanbul 2018. 2018 erschien sein Sachbuch „Desintegriert Euch!“ im Carl Hanser Verlag München.

Stationsschild des Bahnhofs Podelzig
Das Stationsschild mit Einschüssen hing am Bahnhof von Podelzig, 70km östlich von Berlin. Produziert wurde es im Emaillierwerk Schulze & Wehrmann in Elberfeld. Die Kampfspuren stammen von den Gefechten um die Seelower Höhen im April 1945, bei denen Verbände von Wehrmacht und Waffen-SS den sowjetischen Vormarsch auf Berlin um drei Tage verzögerten. Zehntausende Menschen starben, Podelzig wurde fast vollständig zerstört. In den Nachkriegsjahren verunglückten 20 Einwohner durch unentdeckt gebliebene deutsche und sowjetische Munition.

1984 bauten Mitarbeiter des damaligen Armeemuseums der DDR das Schild ab und brachten es nach Dresden. Heute hängt es in der ständigen Ausstellung des Militärhistorischen Museums im Bereich „Zeitalter der Weltkriege 1914 - 1945“.

GEWALT KULTUR GESCHICHTE im Militärhistorischen Museum
Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden gehört zu den bedeutendsten Geschichtsmuseen Europas. Im Zentrum der Ausstellung stehen der Mensch und die Frage nach den Ursachen und Folgen von Krieg und Gewalt. Unterschiedliche Standpunkte, Sichtweisen und Schicksale spiegeln sich in den über 10.000 Exponaten der Ausstellung. Sie bezeugen bewegende Geschichten von 1300 bis heute und bilden wichtige Bausteine zu einer Kulturgeschichte der Gewalt. Ausgestellt werden sie in einer atemberaubenden Architektur. Der amerikanische Stararchitekt Daniel Libeskind erweiterte 2011 das alte Arsenalgebäude in der Dresdner Albertstadt um einen herausragenden Keil. Damit wird symbolisch an die Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg erinnert. Zugleich durchbricht der einzigartige Neubau Libeskinds die einschüchternde Fassade des historischen Militärbaus aus dem 19. Jahrhundert. Licht- und Schattenstrukturen verweisen dabei auf die wechselvolle deutsche Militärgeschichte.

Die Altbauflügel beherbergen einen zeitlich ausgerichteten Rundgang durch deutsche Militärgeschichte vom Spätmittelalter bis heute. Museumspädagogische Stationen bieten dabei neuartige Zugänge zur Geschichte. So wird zum Beispiel durch eine Arbeit der Duftkünstlerin Sissel Tolaas der Geruch von Verwesung und Schlamm in den Grabenkämpfen des Ersten Weltkriegs erlebbar. Im Neubau erwartet die Besucherinnen und Besucher ein thematischer Querschnitt durch die deutsche Militärgeschichte. Hier werden unterschiedliche und überraschende Aspekte zu ausgesuchten Themen präsentiert, wie beispielsweise „Krieg und Spiel“ oder „Militär und Sprache“. Kunstinstallationen ergänzen die Ausstellung und hinterlassen bleibende Eindrücke. Zum Beispiel „Love and Hate“ von Charles Sandison oder „The Hiroshima Thank You Instrument” von Ingo Günther interagieren mit den Betrachtern und lassen sie sogar Teil des Kunstwerks werden.

Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr möchte Denkräume öffnen. Es versteht sich als ein Forum für die Auseinandersetzung mit Militärgeschichte, für den Diskurs über die Rolle von Krieg und Militär in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Die Jury hat entschieden!