Monatsthemen

und Gewinner*innen

deine zitternde Handschrift flickt die Gegenwart

Die Jury hat entschieden!

Wettbewerb im Juni 2020

Ein Morgen im Garten, Blüten, Maikäfer, die Sonne trocknet das Gras. In die Alltagbeobachtungen mischen sich Spuren der Vergangenheit…

die Gräser verstummen

Dinçer Güçyeter

die Gräser reiben sich gegenseitig ein mit ihrem Tau 
auf dem Gartentisch blühen die Morgenblüten 
um das Brandloch meiner Hose 
kreisen zwei Maikäfer

welche Erinnerung ich auch aufschlage 
deine zitternde Handschrift flickt die Gegenwart 
die Sonne küsst meine Brust 
mit aufgerissenen Lippen

warte, ich hole das Wundpflaster …

In wenigen Worten, mit sparsamen und zugleich sinnlichen Bildern skizziert Dinçer Güçyeter einen Frühlingsmorgen – man hört förmlich die sirrenden Gräser und Insekten und spürt die Wärme der Sonne. Doch die Idylle ist durchsetzt von Gegensätzen und Brüchen. Detailaufnahmen von betautem Gras, Maikäfern und dem „Kuss“ der Morgensonne vermitteln Gedanken an Nähe und Zweisamkeit. An ein Gegenüber gerichtet, scheinen sie jedoch gespeist von geteilten Erinnerungen und unverheilten Wunden des lyrischen Ichs. Die Alltagsbeobachtungen verweisen so auf Vergangenes und Gegenwärtiges und auf dessen flüchtige Schönheit und verweben sich zu einer Stimmung, die zugleich leicht und schwer ist.

Wie lest ihr diesen Text? Schreibt uns eure eigenen Erfahrungen mit Erinnerungen und ihrem Nachklang im Alltag. Wir freuen uns auf eure Texte!

Dinçer Güçyeter, geb. 1979 in Nettetal. 
2011 hat er den ELIF VERLAG gegründet. Nicht mehr / weniger als diese(s) Gedicht(e).

Unser Kooperationspartner im Juni: Die Städtische Galerie im Park Viersen 

Zu unserem Monatsgedicht hat die Galerie im Park ein Kunstwerk aus ihrer aktuellen Gruppenausstellung „Schwarz Weiß II“ ausgewählt: Die Wandarbeit „Kairos“ des Düsseldorfer Künstlers Ubbo Kügler (*1964). In zahlreichen motivischen Zitaten aus der Kunstgeschichte wirkt auch in Küglers Werk Vergangenes auf die Gegenwart ein, verbinden sich Details fließend zu einem Ganzen.

 

Ubbo Kügler, Kairos 

In der großformatigen Arbeit “Kairos”, die im März 2020 für die Viersener Ausstellung “Schwarz Weiss II” entstand, breiten sich Ubbo Küglers Zeichnungen über mehrere Wände aus, auf die sie direkt mit Pinsel und Pigment aufgebracht wurden. In einer auf den ersten Blick traumhaft-abstrakt anmutenden Landschaft gibt es Vieles zu entdecken aus Küglers überbordender Bildwelt, deren Motive häufig wiederkehren. Elemente aus der Kunstgeschichte von Jan Vermeers “Dienstmagd mit Milchkrug” bis hin zu Thomas Schüttes Münsteraner Kirschen gilt es ebenso aufzuspüren wie Totenkopf, Topfpflanze, Vogelkäfig und Fleischwolf oder Wattersons Comic-Calvin. Der religiös-philosophische Begriff des “Kairos” bezeichnet den günstigen Zeitpunkt einer Entscheidung, den glücklichen, rechten Moment, dessen ungenutztes Verstreichen sich nachteilig auswirken kann.

Ubbo Kügler (*1964 in Wilhelmshaven) lebt in Düsseldorf. Er studierte an der Kunstakademie Münster bei Horst Gläsker und Peter Mönnig und an der HBK Berlin bei Klaus Fussmann. Sein Studium beendete er 1993 als Meisterschüler von Fritz Schwegler an der Kunstakademie Düsseldorf. Von 2007 an lehrte er an der Universität Duisburg Essen und ist seit 2013 Professor für Kommunikationsdesign und Gestaltung an der University of Applied Sciences Europe (vormals BTK) Iserlohn/Hamburg. Charakteristisch für seine Zeichnungen ist das scheinbare Wuchern in „dialogischen Kettenreaktionen“ [Reinhard Ermen: Ubbo Kügler. Kunstforum international 231, 2015, S. 178-181, S. 178] 

 

 

http://www.ubbo.de

Galerie im Park Viersen: 
Die Galerie im Park bietet als Museum der Stadt Viersen seit 1981 in einer zentral in der Innenstadt gelegenen klassizistischen Villa aus dem Jahr 1868 ein Programm mit jährlich sechs bis sieben mehrwöchigen Ausstellungen. Die rund um das Gebäude gewachsene Skulpturensammlung Viersen mit namhaften Positionen internationaler Gegenwartskunst und die mehr als 1.400 Werke umfassende Graphische Sammlung der Stadt finden ebenso Niederschlag im Programm wie das alljährlich vergebene Stipendium für junge Kunst „Kunstgenerator“. Ein Schwerpunkt in der Ausstellungstätigkeit liegt damit auf der zeitgenössischen Kunst. Die Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen spielt eine wesentliche Rolle in der Arbeit der Galerie im Park in museumspädagogischen Veranstaltungen wie Ferienworkshops und interaktiven Angeboten und in enger Zusammenarbeit mit den Schulen, die regelmäßig Gemeinschaftsausstellungen in der Galerie zeigen.

 

 

 

 

Die Jury hat entschieden!