Monatsthemen

und Gewinner*innen

Ausweichen liegt uns nicht

Die Jury hat entschieden!

Wettbewerb im September 2020

Ein Gedicht über Probleme unserer Zeit - sind sie weit weg oder ganz nah? Wie stecken wir selbst mit drin? Und wie geht es euch damit?

Du kannst 40° nur sehr langsam begegnen.

Judith Hennemann

Wasche meine Turnschuhe in Unschuld wie
meine Geisterwaffen. Das Gerät (3D-Drucker,
Waschmaschine) ist dasselbe, Programme

sind wählbar. Nur ein Schuss, drei Streifen.
Kupfer sickert aus den Sohlen, frisst Adern
in den Lauf der Dinge. Den Lauf. Hätten wir

Wasser und eine Zukunft, wir könnten Blei
gießen. Jetzt will dieses Land niemand mehr.
Bezwingung des Plastikmassivs durch Armut.

Es schmilzt uns ein. Wir bauen Attrappen
von Wespennestern, raus aus der Flugbahn
Richtung Licht. Ausweichen liegt uns nicht.

Die Hitze lehrt uns man͂ana (ein erlesenes
Sonderzeichen), die Dürre Demut. Folge-
richtig kapitulieren die Ingenieure zuerst.

Abweichend vom Forecast haben wir keinen
Appetit. Futter wächst, hungert. Algorithmen
errechnen Notschlachtung. Deine Augen aber,

durch transparente Lider, beschatten die Erde.
Du sprichst in deine innere Nacht, da draußen
kein Resonanzraum ist, nur brüllendes Licht.

 

(aus: all die goldenen Hunde, Dielmann, Axel (Verlag) 2019)

Unser Gedicht im September stammt von Judith Hennemann. „Du kannst 40° nur sehr langsam begegnen.“ ist ein sehr aktueller Text:
Es geht um den Klimawandel, um Technik und Zerstörung, um die Zukunft.

Diesen ernsten Themen begegnet Judith Hennemann mit ironisch-bissigem Humor und Mehrdeutigkeiten: die Turnschuhe „in Unschuld waschen“, bei 40 Grad? Oder sind das die steigenden Außentemperaturen, Stichwort Klimawandel, dem wir nur „langsam begegnen“ – am besten fangen wir erst morgen („man͂ana“) an, wenn es zu spät ist und auch die Ingenieure keinen Rat mehr wissen?

Der Text fragt danach, wie wir alle mit unserem Verhalten Einfluss auf die Probleme unserer Zeit haben. Konsum, Plastikmüll, Katastrophen in anderen Ländern – in knapper, plakativer Sprache zeigt das Gedicht, wie alles miteinander zusammenhängt und gleichzeitig widersprüchlich erscheint. Was nützt uns der technische Fortschritt, wenn er die Erde zerstört?

Unser Kunstwerk im September zeigt passenderweise eine alltägliche Szene, die heute unwirklich erscheint: Schlittschuhlaufen auf einer winterlich zugefrorenen Gracht in den Niederlanden.

Durch den Klimawandel werden eisige Temperaturen, wie sie im 17. Jahrhundert in Mitteleuropa normal waren, heute nicht mehr erreicht.  
Sie sind Geschichte und nur noch im Museum zu bewundern.

Was habt ihr für Gedanken zu diesen Problemen, die man oft nur aus den Nachrichten kennt? Besorgen sie euch oder beeinflussen sie euren Alltag? Sind sie Gesprächsthema in euerer Familie?

Schaut euch auch das Video von Judith Hennemann weiter unten an, in dem sie erklärt, warum sie das, was sie beschäftigt, am liebsten in Gedichten beschreibt. Wir freuen uns sehr auf eure Gedichte!


lyrix trägt vor: Judith Hennemann - Du kannst 40° nur sehr langsam begegnen.

Schreibimpulse von und mit Judith Hennemann

Judith Hennemann, geboren 1975 in Papenburg und aufgewachsen im Taunus, wohnt und arbeitet als Industriesoziologin in Frankfurt am Main. Sie schreibt Lyrik und Theaterstücke. Ihr Lyrikdebut Bauplan für etwas anderes erschien 2017 im Frankfurter axel dielmann verlag. Im Frühjahr 2019 folgte der zweite Gedichtband mit dem Titel all die goldenen Hunde. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, z. B. in: Jahrbuch der Lyrik, Akzente, OSTRAGEHEGE, LICHTUNGEN, Am Erker, der Literaturbote, All dies hier, Majestät, ist deins: Lyrik im Anthropozän, kookbook, Das eigene im anderen. Istanbul, herausgegeben von Kurt Drawert. Zahlreiche Veröffentlichungen im Internet (Quarantäneblog des Schöfflingverlags, fixpoetry, Signaturen) und im Radio. Das Theaterstück Androguards wurde von Sascha Weipert im Frankfurter Autorentheater (F.A.T.) inszeniert (Uraufführung 2014/ Wiederaufnahme 2015).

David Vinckboons (1576 in Mecheln – 1632 in Amsterdam)
Eissegeln in einer niederländischen Stadt
1610, Öl auf Holz
Stadtmuseum Simeonstift Trier

 

 

 

Das Trierer Stadtmuseum befindet sich im romanischen Simeonstift, direkt neben der Porta Nigra. In der Dauerausstellung sind Kunst- und Kulturschätze vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert zu finden, deren Grundstock aus bedeutenden Schenkungen bekannter Trierer Bürger hervorging. Entsprechend vielfältig sind die Sammlungsbereiche, die sich in Gemälde, Skulpturen, Kunsthandwerk, koptische Textilien, Möbel und ostasiatische Kleinplastik gliedern. Die rund 900 Objekte sind auf 2000 m² Ausstellungsfläche zu sehen. Modelle, interaktive Bereiche und ein breites multimediales Angebot von rund 40 Medienpräsentationen in Form von Filmen, Bildfolgen und Hörstationen ergänzen den Besuch. Regelmäßig wechselnde Sonderausstellungen widmen sich Trierer Künstlern oder mit dieser Stadt verbundenen historischen und zeitgenössischen Themen.

 

http://m.museum-trier.de/startseite/

Die Jury hat entschieden!