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lyrix - Bundeswettbewerb für junge Lyrik logo

Monatsthemen und Gewinner*innen

10-14 Jahre

drei sprachen sind zu groß für deinen mund

Wettbewerb im Oktober 2021

Neu bei lyrix: Ab sofort gibt es jeden Monat gleich zwei Monatsthemen, eins für 10- bis 14-Jährige und eins für 15 – 20-Jährige. Die Einsendungen werden separat bewertet und künftig präsentieren wir euch zu jedem Thema nicht mehr 6, sondern 12 Monatsgewinner*innen – 6 aus jeder Altersgruppe!

Hier seid ihr beim aktuellen Monatsthema für alle 10- bis 14-Jährigen! Diesen Monat geht es darum, wie es ist, mit mehreren Sprachen aufzuwachsen. Hat das eher Vorteile oder überwiegen die Nachteile? Anregungen gibt euch im Oktober die Lyrikerin Dagmara Kraus mit ihrem Gedicht "çatodas". Aus diesem Text stammt die Zeile, die wir als Titel für das Monatsthema ausgewählt haben: "drei sprachen sind zu groß für deinen mund". Wir sind gespannt, was euch zu dem Thema einfällt und freuen uns auf eure Gedichte!

Im Oktober stellen wir euch ein Gedicht der Lyrikerin Dagmara Kraus vor. Ihre Zeilen in dem Text "çatodas" handeln von den drei Sprachen Polnisch, Französisch und Deutsch, mit denen ihre Kinder aufwachsen: Sie selbst bringt das Polnische mit, kam mit 7 aus Polen nach Deutschland, ihr Mann das Französische. Entsprechend mischen sich diese Sprachen auch in ihrem Gedicht. Es bringt das Thema auf eine noch allgemeinere Ebene: Wie ist es, mit drei Sprachen aufzuwachsen? Kann das "gut gehen" oder sind drei Sprachen zu viel für einen Mund?

Schickt uns im Oktober eure Gedichte zum Thema "drei sprachen sind zu groß für deinen mund"! Wie ist es, mit mehreren Sprachen aufzuwachsen? Welche Geschichten stecken dahinter? Wer ist das, der versucht, darüber zu entscheiden, wie viele Sprachen zu viele sind? Und wie könnt ihr ihm/ihr etwas entgegnen? Zeigt uns in eurem Gedicht, welche Sprachen ihr alle sprecht und was eure eigene Sprache reich und besonders macht! Wir freuen uns auf eure Einsendungen!

 

çatodas

Dagmara Kraus

drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind
kau dir an der kruste hier muskeln an, nimm
an floskeln tuste gut daran, te tłusteste zu meiden
ah, das wusstest du schon, na dann —

drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind
die eine hockt noch schief im rachen, indes die anderen
auf angenähte tanten machen, wie damals die
aus liza stara vom saalrand der parade rara

drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind
sagst du bélier, verbrauchst du zu viel spucke
meinst du wichurę, zeigst aufs regenzuckeln
und rührst dir was aus drei familien, führst krudes

durch die fleur-de-lilien und setzt dort wechselbälger aus
kuckuckskinder, bülbülschinder; wie du wörtchen
aus drei sprachen klaubst, wie du urkreol verschraubst
was syntaktisch, synku, sich nie binden ließe

pfui, du fiese mutter, biest du, arge hast dein kind betrogen
um die eine muttersprache; alles dreimal: drei ✕ strachy
drei ça-to-das, selbdritt fällst durchs fehlerfach
deine zunge, kindlein, splisst: père, quoi to ist, äquator

Weiterführende Informationen

Dagmara Kraus
1981 geboren in Wrocław (Polen), ist Autorin und Übersetzerin. Zu ihren Gedichtbänden zählen u.a. ›kummerang‹ (kookbooks 2012), ›kleine grammaturgie‹ (roughbooks 2013), ›wehbuch‹ (roughbooks 2016) und ›liedvoll, deutschyzno‹ (kookbooks 2020). Zuletzt erschien ihre Übersetzung von Gedichten Miron Białoszewskis unter dem Titel ›M'ironien‹ (roughbooks, 2021). Für ihr Werk wurde Dagmara Kraus u.a. mit dem Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung (2017), dem Basler Lyrikpreis (2018), mit der Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung (2021) und zuletzt mit dem Lyrikpreis Meran (2021) ausgezeichnet. Gegenwärtig hat sie die Juniorprofessur für literarische Prozesse der Gegenwart am Literaturinstitut Hildesheim inne.

lyrix im Museum

lyrix richtet zu jedem Monatsthema eine begleitende Schreibwerkstatt in einem Museum aus. Diesen Monat ist das Max Ernst Museum in Brühl unser Partner. Dagmara Kraus wird hier am 08. Oktober eine Werkstatt zu ihrem lyrix-Thema "drei sprachen sind zu groß für deinen mund" für eine Brühler Schulklasse leiten. Wer mehr zu unseren Schreibwerkstätten wissen möchte, kann uns gerne unter hallo@bw-lyrix.de anschreiben!

Im Folgenden seht ihr das Referenzobjekt zum Monatsthema, das das Max Ernst Museum für die Schüler*innen der Schreibwerkstatt ausgewählt hat. Vielleicht gibt es auch euch weitere Schreibimpulse?

Max Ernst, Corps enseignant pour une école de tueurs (Lehrerkollegium einer Schule für Totschläger), 1967 - Bronze, grün patiniert


Die Besucher*innen des Max Ernst Museum Brühl des LVR werden auf dem Plateau von drei Bronzeskulpturen begrüßt. Das Ensemble wurde von der Kreissparkasse Köln zusammen mit 57 weiteren Skulpturen erworben, die Max Ernst persönlich besaß und mit denen er sein Haus im südfranzösischen Seillans umgab. Die zentrale Gestalt, der Max Ernst den Namen „Big Brother" gab, wird von den beiden hockenden Engeln „Seraphine-Cherubin" und „Seraphin der Neuling" flankiert. Die Anspielung auf den Roman „1984" von George Orwell und auf den Satz „Big Brother is watching you!" ist unverkennbar. Die Figur mit der Schiebermütze auf dem Kopf steht für die zum Überwachungsstaat verkommene Obrigkeit. Der weibliche und der männliche Engel repräsentieren die kirchliche Herrschaft. Das Denkmal ist ein Anti-Monument.

Max Ernst (Brühl 1891–1976 Paris)
war einer der bedeutendsten und vielseitigsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Sein Leben als Maler, Bildhauer, Zeichner und Grafiker, aber auch als Schriftsteller und Dichter erstreckt sich von seinem Geburtsort Brühl, über seine dadaistischen Aktivitäten im Rheinland, die maßgebliche Beteiligung an der surrealistischen Bewegung in Frankreich, sein Exil in den USA bis hin zu seiner Rückkehr nach Europa im Jahr 1953. Auf die Frage nach seiner Lieblingsbeschäftigung antwortete Max Ernst stets „sehen“. So leitete ihn in allen Schaffensbereichen und -phasen ein Aufstand gegen ästhetische Normen und Konventionen. Seine indirekten Arbeitsweisen und seine umdeutenden Sichtweisen, künstlerische Verfahren wie Collage (Klebebild), Frottage (Durchreibezeichnung), Grattage (Abkratztechnik), Décalcomanie (Abklatschverfahren) und Oszillation (durch Pendelschwünge erzeugte Linien) ermöglichen ein Hineinsehen und Ausdeuten, eine schöpferische Mischung aus Passivität und Aktivität. Im nationalsozialistischen Deutschland als „entarteter Künstler" gebrandmarkt, erwarb er sich, in Frankreich und schließlich in den USA wirkend, noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Maler und Bildhauer eine hohe Reputation. In der Nachkriegszeit wurde ihm diese Anerkennung auch in der Bundesrepublik Deutschland zuteil.

Max Ernst Museum Brühl
Das Max Ernst Museum Brühl des LVR ist das weltweit erste und einzige Museum, das dem Werk des Jahrhundertkünstlers und Weltbürgers Max Ernst (1891–1976) gewidmet ist. Es zeigt einen Überblick über das umfangreiche Schaffen des Dadaisten und Surrealisten, dessen Bildwelten - wie bei kaum einem anderen Künstler des 20. Jahrhunderts - sich durch verblüffenden Einfallsreichtum und geniale Inspirationskraft auszeichnen.

Max Ernst schuf nicht nur eine Vielzahl an Gemälden, Collagen, Grafiken, Plastiken und Assemblagen; seine unbändige Kreativität schlug sich auch in zahlreichen Büchern, Künstlermappen und Gedichten nieder. In seinen Bildwelten begegnen wir poetischen Landschaften, phantastischen Kompositionen und bizarren Wesen, deren Erfindungskraft und geistreicher Witz faszinieren und zugleich verwirren und beim Betrachter einen unausweichlichen Sog der Suggestion auslösen.

maxernstmuseum.lvr.de