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kleine party um jedes ding

Der erste Lyrikband von Christiane Heidrich

 

von Kai Gutacker

Von 2010 bis 2012 gewann Christiane Heidrich dreimal den lyrix-Jahrespreis. Bald wurde sie über den Wettbewerb hinaus für ihre Bildsprache bekannt, die unter anderem innere wie äußerliche Widersprüche teilweise harsch, aber sehr poetisch darstellt. In den folgenden Jahren veröffentlichte sie ihre Gedichte zunächst in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien. Nun ist mit „Spliss“ ihr erster Lyrikband bei kookbooks erschienen.

Im Mittelpunkt der Gedichte, an denen sie teilweise seit 2015 arbeitete, steht das wechselnde Verhältnis zwischen der eigenen Person und ihrer Umwelt. Genauso, wie ein Subjekt stets von seiner Umgebung beeinflusst wird, sind auch diese Räume und Gegenstände ambivalent, schwanken zwischen Körperlichkeit und Abstraktion. Orientierung geben sie deshalb nur sehr selten. Stattdessen inszeniert jede Bewegung – oder jeder Wunsch nach Bewegung – eine „kleine party um jedes ding“, um es mit Christiane Heidrichs eigenen Worten zu beschreiben.

Das sorgt dafür, dass einige der Gedichte zunächst sehr abstrakt klingen mögen. Schließlich entfalten Verse wie „mh, im gekränkten liegt ein wundersamer fisch“ oder „Ich sehe mich Bündel von Wasser trinken. Ich bin diese Verwicklung.“, scheinbare Kategorienfehler. Aber genau hier zeigen sich die spannenden Bruchlinien in der Wechselwirkung zwischen dem Sprechenden und seiner uneindeutigen Umwelt auf. Der Aufprall verschiedener Bedeutungen und Wirklichkeiten sorgt dafür, dass die Leser*innen eingeladen sind, sich dem Band selbst immer wieder unter neuem Blickwinkel zu nähern.

 

Eine weitere, ausführliche Rezension zu "Spliss" von Felix Schiller findet ihr hier auf Fixpoetry.

 

 

Christiane Heidrich
Spliss
Illustration: Andreas Töpfer
kookbooks 2018 - 80 Seiten - 19,90 Euro
ISBN: 978-3937445946

Die Sprache ist klein. Die Behutsamkeiten
entsprechen sich nicht. Weißt du jetzt,
woher die Bäume gekommen sind?
Meine Haut ist ein Überzug. oder
Meine Haut ist aus Flaggen. Eine
nicht genau bestimmbare Menge Zeit
treibt durch meinen Körper, wie ein
Klumpen, der irgendwie oben hält,
dann wie die Flüssigkeit selbst.
Kannst du die Wiesen aufhalten
in ihrem Weitergehen? Ich krame
nach einer Oberfläche, die ich dir behutsam hinhalten
kann, wie einen Falken, der soeben
auf meiner Hand gelandet ist.
Sieh, wie wir laden. Wie du die
Bücher beschreibst in ihrem Weitergehen
während du sprichst. Nicht dieses
Video, nicht die Stille danach in
meinem Mund, wir beheben hier
nichts. Was ich habe, drück ich ins
Moos. Die Kritik zittert, allein ohne den
Winter, aber, jetzt sitze ich
wieder am Abend, lange, im
unzulänglichen Licht. Über den
Bäumen weint es, oder stampft.
Gesänge und Risse, die sich
durch alles ziehen. Alles kann ich
nur anführen. Ich schlaf wie ein
Heiligtum, vorübergehend. Es ist mir
egal, im Vergleich.

 

Christiane Heidrich

 

aus: Christiane Heidrich, Spliss, kookbooks Berlin 2018, S. 19 Abdruck mir freundlicher Genehmigung des Verlages

Kai Gutacker
Kai Gutacker, 1990 in Frankfurt am Main geboren, war lyrix-Preisträger 2008, 2009 und 2010. Er studierte Deutsche und Europäische Literaturen sowie Kulturwissenschaft in Berlin. 2014 nahm er an Juri Andruchowitschs Lyrikprojekt „Erfundene Dichter“ teil. Im August 2016 erschien sein erster Erzählband „Nacht auf die Handfläche“ im Verlag Das Wunderhorn. Derzeit arbeitet er an seinem Romandebüt.