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Die lyrix-Jahresgewinner*innen 2022 stehen fest

Zum 14. Mal kürt der Bundeswettbewerb für junge Lyrik lyrix die Jahresgewinner*innen! Wir gratulieren herzlich allen Preisträger*innen!

Um dem Ziel einer möglichst großen Resonanz in allen Altersstufen gerecht zu werden, wurde der Wettbewerb im vergangenen Jahr erstmalig in zwei verschiedenen Alterskategorien ausgeschrieben. Aus 95 Gedichten, die im Vorjahr jeweils als monatsbeste aus der Gesamtzahl von 1.388 eingereichten Gedichten prämiert wurden, wählten zwei Jurys die 16 besten Texte aus.

Im Juni werden die Jahresgewinner*innen der Altersgruppe 15–20 zu einer fünftägigen Reise nach Berlin inklusive Schreibwerkstatt, professionellem Sprechtraining und weiterem literarischem Rahmenprogramm eingeladen.

Höhepunkt der Reise ist die öffentliche Preisverleihung, die im Rahmen des 23. poesiefestival berlin am 17. Juni 2022 unter der Moderation von Uljana Wolf in der Akademie der Künste stattfindet (Beginn ist um 14 Uhr im Hanseatenweg 10, 10557 Berlin). Gäste sind herzlich willkommen!

 

 

Zur diesjährigen Jahresjury der Kategorie 10–14 Jahre gehören Claudia Maaß (Didaktikerin und Literaturvermittlerin), Rojin Namer (lyrix-Alumna) und Arne Rautenberg (Lyriker). Die Jury der Kategorie 15–20 Jahre setzt sich zusammen aus Malte Blümke (Bundesverband der Friedrich-Bödecker-Kreise e.V.), Thorsten Dönges (Literarisches Colloquium Berlin), Matthias Gierth (Deutschlandfunk), Norbert Hummelt (Lyriker und Übersetzer), Clara Leinemann (Wortbau e.V.), Anja Schaluschke (Museum für Kommunikation Berlin) und Daniela Seel (Lyrikerin und Verlegerin).

 

 

Die Jahresgewinner*innen in der Altersgruppe 10-14

Sag mir

Merle Helene Berger
aus Kierspe, Jahrgang 2007

Sag mir, Kind, wo deine Fußspuren liegen,
wo die Wurzeln liegen deines Angesichts,
wenn du Worte hörst, wie widerhallen sie?
Welche Sprache führt dich, eingraviert?
Wie liegen sie in dir, tief in dir?
Lebe Zugehörigkeit!

Sag mir, Kind, welches Spiel du spielst,
es ist das Spiel des Spiegels,
jeder Blick zeigt mich,
und ich frage,
wann finde ich sie?
Die Wahrheit meines Selbst,
denn ich bin nicht eins, bin dreien zugehörig.

Sag mir, Kind, versteckst du dich vor der Antwort,
da du weißt, dass drei Herzen in dir schlagen,
oh sag mir, findest du den Weg?
Taumelst, da sie sagen, du musst dich entscheiden, 
steh nicht zwischen Flaggen!
Doch ich steh in ihrer Mitte.

Und nun sag mir, Kind, wo du hingehörst,
ruft the wind across the waves?
trägt ta coeur l'hiver vers le nord?
Gründe meine eignen Worte,
eine Sprache, die nur ich versteh,
und fragst du, wo ich hingehör,
hierher.

 

Zum Monatsthema: drei sprachen sind zu groß für deinen mund

Merle Helene Berger (*2007) Die Leidenschaft zum Schreiben entsprang aus dem Wunsch, das Unverständnis im Leben greifbar Schwarz auf Weiß zu bringen.Daher füllen Worte in ihrem Leben die Zwischenräume der Unwissenheit und verhelfen ihr beim Philosophieren über das Leben. Dabei ist ihre Intention, dass ihre Schriftstücke zwischen den Zeilen zu interpretieren sind. Denn Worte können nur dann viel Einfluss nehmen, wenn wir bereit sind, ihnen jene Stärke selbst mitzugeben.

fehler 101

Johanna Glowacki
aus Werne, Jahrgang 2007

/ bitte – ich stehe vor dir wartend,
seit einer Epoche schon
/ bitte wählen – ich überlege krampfend,
was hier gerade unangebracht(er) ist
/ bitte wählen Sie – ist es der Fakt, dass ich pünktlich erschienen bin,
oder der, dass du mich gerade warten lässt?
/ bitte wählen Sie einen – ich fühle mich unwohl,
in der Gruppe bist du so – anders.
/ bitte wählen Sie ein anderes – Enttäuschung erfüllt mich, während ich dich beobachte.
wir kommen zu spät zum Termin, auf den ich mich freute, von dem ich dir erzählte. etwas läuft falsch.
/ bitte wählen Sie ein anderes Laufwerk – critical error; mein Kopf ist nicht mehr meiner
meine Füße machen sich selbstständig
/ […] um mehr – ich entferne mich von dir
Automatisierung
/ […] um mehr Speicherplatz zu gewinnen – bin schließlich weg von dir
wieder vor der Tür, auf dem Fahrrad und fahre allein und fühle mich frei – selbstbestimmt, wie kann das sein?
/ kehren Sie zum […] – aber so war es gar nicht, denn ich blieb feige, ohne Meinung, das wäre
gewesen, hätte ich auf das Programm gehört
deshalb übersprang ich die Auswahl zum anderen Laufwerk, stattdessen zurück zum
/ kehren Sie zum sicheren Browser zurück - , stattdessen zurück zum Bekannten.
jetzt trete ich deshalb in Interaktion mit dir, doch wir reden nicht darüber, was wir denken und präferieren,
denn du bist digital sozial und schaust von deinem Handy nicht mehr auf
und ich weine, weil du mich scheinbar nicht mehr (be)merkst und brauchst
/ virus – error
kein Weg zurück und dann
Absturz
das schöne Bild von dir erlischt.

 

Zum Monatsthema: Fake thoughts

Johanna Glowacki (*2007) widmet sich in ihren Gedichten mit Faszination dem Alltäglichen, Vergänglichen. Versucht mit dem Schreiben in scheinbar Unbedeutendem wieder Halt und damit zu sich selbst zu finden. Umgeben von Büchern und ihrem Notizbuch ereilen sie Wörter sinnstiftend. Stets Hals über Kopf in Dichtung verliebt. Und dabei immer ein bisschen verloren

 

Der alte See meines Ichs, verdammt

Tonda Montasser
aus Berlin, Jahrgang 2011

Narziss hat sich verliebt
in sich selbst, ich nicht.

Ich hocke an einem See
aus Selbstbeherrschung.

Der See vermischt
Purpurrot mit dunklem Grau,

fast unmöglich,
hier wahnsinnig zu werden. 

Darüber ein Baum des Chaos.
Zerstörung und Verstörung.

Ich schaue in mich selbst.
Riesige Stuhlmonster.

Was ist die beste Plage:
Masken, die andere beleidigen.

Dreiköpfige Eichhörnchen,
die in die Leere schauen.

Oder Handys mit Gefühlen.
„Ich habe mich immer gefragt:

was ist passiert,
dann wurde es mir egal“,

flüstert niederträchtig
verwirrt ich in alt.

Ich schau hin. Ich schau weg.
Bizarr, prometheushaft.

Es ist schrecklich,
die Zukunft so zu sehen.

 

Alle Terrassenmassakerkinder
sind tot. Außer ich.

Mein Hals kennt die Gefühle.
Ein Insekt, das langsam stirbt.

Ich habe Hunger. Essen...
Sitze endlos auf Stühlen...

„Oh, ich werde mich niemals töten,
um meine Seele zu retten“,

so singe ich,
willenlos und verstört.

Ich sehe meine Leber.
Ebenfalls gefesselt.

Adler können kommen
in jedem Moment.

Ich schreie und falle
vom Stuhl ins Wasser.

Das graue Wasser
färbt sich purpurrot

und ich bin endlich alt
und tot.

 

Zum Monatsthema: Spiegelgesichter

Tonda (Agony) Montasser, wurde 2011 in Berlin geboren und lebt auch dort. Er feiert Vegetarier, liebt Rankings und bingt alles von der Youtuberin Coldmirror. Er schreibt Gedichte, weil es Spaß macht, weil es schwer ist, und weil es Menschen gut unterhält. Seine Tipps fürs Schreiben sind: Immer gut auf den Flow achten, Wiedererkennungsmerkmale für den eigenen Stil schaffen, ab und an etwas griechische Mythologie reinbringen.

Sprachen, mein ganzes Leben lang

Amelia Schober
aus Köln, Jahrgang 2007

Deutsch, Polnisch, Französisch, Englisch
Alle Sprachen, seit meiner Kindheit so engelsgleich, so magisch. 
Wie es mit Deutsch und Polnisch anfing,
die Worte, sie streiften meine Lippen, meine Gedanken, wie ein zarter Wind.
Oh, bist du aber begabt, sagte man mir dann als kleines Kind.
Da ich zwischen den języki so mühelos jonglieren konnte und alle mir sagten, wie stolz sie doch nur sind.
Mit sechs Jahren kam schließlich Sprache Nummer drei, Englisch.
Oh, ein kleines Mädchen, in den languages schon so weit, wie fantastisch.
So ging es weiter, mit meinen drei Sprachen, mit meinem guten Umgang mit Worten.
Doch was ist, wenn ich lieber gut wäre in Mathe, in Naturwissenschaften?
Oh, das ist doch nicht schlimm, dafür kannst du gut mit Sprachen.
Alles hätte so gut sein können, wenn Französisch nicht in der Schule drankäme.
Denn jetzt fehlen mir in jeder einzelnen langue die Worte, was sind die Ursachen?
Denn ich vergesse eine meiner Muttersprachen, ihr wisst nicht, wie ich mich schäme.
Weil Deutsch, Französisch und Englisch sich in den Vordergrund drängen,
sodass sie das Polnisch in meinem Kopf immer weiter in die Ecke einengen.
Denn vielleicht wollte ich das Wörterchaos nicht, sondern geregelte Tatsachen.
Oh, so schwer ist es auch wieder nicht, andere sprechen schon über fünf Sprachen.
Ich weiß, es sollte nicht schwer für mich sein, doch in meinem Kopf ist es ein einziges Gemisch.
Oh, jetzt sei doch nicht so undankbar, das ist doch ein unbezahlbares Geschenk.
Ich habe dir doch nur erzählt, dass sich in meinem Kopf alle vermischt.
Doch ich habe die Bürde eines platzenden Kopfes auf mich genommen,
denn ich liebe alle Sprachen, die aus meinem Mund kommen.

 

Zum Monatsthema: drei sprachen sind zu groß für deinen mund

Amelia Schober (*2007) lebt schon ihr ganzes Leben lang in Köln und war stets angetan von Sprachen. Sie ist begeistert vom Tanzen, Klavier spielen, Lesen und Reisen. Durch ihre Leidenschaft zum Lesen begann sie dann auch selber zu schreiben, was sie schließlich zu einer weiteren Leidenschaft, der Lyrik, führte.

Die Jahresgewinner*innen in der Altersgruppe 15-20

Çok konuşma kızım

Zehra Cemre Arslan
aus Osnabrück, Jahrgang 2002

Rede nicht viel meine Tochter, rede nicht viel.
Verstehen wird man dich nicht, also rede nicht.
Belächeln wird man dich, also rede nicht.
Anerkannt wird das nicht, also rede nicht.
Zwei von ihnen sind Pflicht, also rede nicht.
Die Sprache, die dich zu dem macht, was du heute bist,
diskriminiert dich, also rede nicht.
Kultur steckt in dir, also überleg es dir.
Traditionen stecken in dir, also überlege es dir.
Vielfalt steckt in dir, also überleg es dir.
Vielleicht sogar etwas Kulturerbe, also überleg es dir.
Ordunun dereleri, die Strömung Ordus.
Auf der einen die Gebirge, auf der anderen das Meer.
Vielfalt in einem kleinem Dorf, verschweige dies nicht.
In der Abendsonne mit Salz in den Haaren dich im Blick des Meeres verlieren,
Verschweige dies nicht.
Traditionen, die dich deine Großeltern schon lehrten, verschweige dies nicht.
Das schönste Geschenk, deine Wurzeln, verschweige diese nicht,
Konuş kızım konuş.
Rede meine Tochter, rede.
Diese drei Sprachen sind das Einzige, was du hast.

 

Zum Monatsthema: drei sprachen sind zu groß für deinen mund

Zehra Cemre Arslan (*2002) arbeitet bis zum Ausbildungsbeginn Vollzeit an einer Tankstelle. Lässt sich oftmals von Alltagsgedanken und schönen Melodien dazu leiten sich lyrisch auszutoben. Als Hauptbeschäftigung setzt sie sich gerne mit ihrem Heimweh auseinander und zählt die Tage bis zum Abflug. Viel Zeit und die gesamte Liebe wird der Mutter und der Schwester gewidmet, da sie nur diese als Familie hat.

[blüh brüderlich]

Anastasia Averkova
aus Dresden, Jahrgang 2003

Text der deutschen Nationalhymne nach dem Entfernen der 1000 häufigsten deutschen Wörter sowie nach manuellem und digitalem Durcheinanderwürfeln mit dem Automatengedichtautomat von Hannes Bajohr

blüh brüderlich,
edler vaterland–deutscher!
sang, treue, tat;
maas freiheit/einigkeit
memel...
zusammenhält wein unser ganzes
deutsches herz.
lasst begeistern!

belt brüderlich! – deutscher sang;
deutscher wein,
deutscher schutz.
etsch!
streben unterpfand/vaterland treue.
behalten glückes schönen klang/glanze?
glückes einigkeit?

blühe freiheit!
trutze!

 

Zum Monatsthema: WAS MAN MUSS

Anastasia Averkova (*2003) ist eine alliteration. sie betont enjambements, minuskelt und übertreibt dabei. in ihren texten finden sich wörter wie fragezeichen, frikative und fragmente. nur zufällig, selten suchend.

die sprache der gurken

Ruta Dreyer
aus Laatzen, Jahrgang 2002

schau ich:
wurde einsprachig erzogen
kann doch nicht sprechen
bin teil einer auflösung
bin teil einer aufgabe
schau ich:
bin eofiqefüoiefj

durch die lücken meiner finger
schaue ich auf tasten
das h
das a
das e
macht mir angst
was mache ich mit ihnen

mein liebling
ist die leertaste
ihr ton wenn ich drücke
ist die zeit die ich habe
um zu denken
sie gibt nach
unter mir
sie weiß
ja wir brauchen diese pause
nur sie weiß das
sonst niemand

wenn ich gurken sehe
denke ich
das ist mehr sprache
als alles was ich tue
ziehe decken über bücher
ich schlafe mit den büchern
kriege albträume
gehe schlafwandeln
in ein gurkenglas

 

schau ich:
bin überfordert
mit dem was ich habe
und es würde nichts ändern
hätte ich mehr sprachen
hätte ich weniger sprachen
ich wäre trotzdem nur
dfhqdiufhqoifhqofuhfuqufq
UND SO FUCKING NEIDISCH
AUF EIN GLAS GURKEN

 

Zum Monatsthema: drei sprachen sind zu groß für deinen mund

Ruta Dreyer wurde 2002 in hannover geboren und hat psychologie in göttingen studiert. sie hat u.a. auf dem internationalen literaturfestival berlin und dem lit.fest stuttgart gelesen und in verschiedenen anthologien und zeitschriften, wie dem jahrbuch der lyrik 2021 und der mosaik34, veröffentlicht. ihre texte handeln von körpern im einbruch, umbruch, AUSBRUCH.

pinocchio

Rosa Engelhardt
aus Berlin, Jahrgang 2001

verholz mit jedem wort das deine zunge
raspelt, in sägespänen baden wir
lass uns die jahresringe zählen
die dunklen herbste die du unter der
haut trägst, zusammen aßen wir baumkuchen
dein fisch hat lange kein tageslicht gesehen
lugt nur zwischen den rippen hervor, da
wo du ihn zappeln lässt
hör ihn japsen durch den krater den dein
angelhaken schlug, zusammen
schnitzten wir initialien
unsere bernsteinzucht gescheitert
doch in der rinde sickert es noch

 

Zum Monatsthema: Die Lüge brüllt

Rosa Engelhardt (*2001) zeichnet das Innere von Schweinespulwürmern, lässt sich von Cephalopoden hypnotisieren und gräbt zwischen Nordbahnhof und Mauerpark Pflanzen aus. Biologische Taxa und botanische Bestimmungsbücher inspirieren zu Texten; Texte inspirieren dazu, Wissenschaft und Kunst etwas weniger zu verästeln. 

Scham

Linnea Gehlert
aus Karlsruhe, Jahrgang 2000

Auf den Zweigen eines Baums
so alt wie ich, saß ich wacklig.
Ließ Essen neben Teller fallen
wie Tassen an müden Tagen,
dachte:
Das verwächst sich.

Auf dem Feld rannte ich immer
und länger dem Ball hinterher.
Stolperte und fiel in die Kratzer
bis zu Narben beider Arme,
dachte:
Das verwächst sich.

Saß beim Arzt, der mich maß,
der mich Flure ablaufen ließ.
Trug Elektroden in den Haaren
und Orthesen an den Füßen
und man sagte:
Das verwächst sich nicht.

Und ich wuchs ohne ver-.
Kleckerte, stolperte, rannte,
fiel, noch mehr auf Arztfluren.
Heute weiß ich: wie ich bin
ändert sich nicht mit dem Alter,
denke:
Nur die Scham verwächst sich.

 

Zum Monatsthema: die zukunft und alles was war

Linnea Gehlert (*2000) studiert Germanistik in Karlsruhe. Schreibt gesellschaftskritische Lyrik, sanftmütige Prosa und in den Schattierungen dazwischen. Ihre Texte handeln vom Streben nach Größerem und dem Blick für das Kleine, fast Unscheinbare. Inspiration findet sie auf und hinter Bühnen, in ehrenamtlicher Arbeit und Alltagsbruchstücken.

goldfische

Rosa Lobejäger
aus Karlsruhe, Jahrgang 2003

ohne himmel bist du gewachsen du warst kühl und ich war müde als wir das erste mal getaucht sind im schmalen grat zwischen sommer und winter

das schwarzlicht schmilzt auf deiner zunge die hitze schiebt sich zwischen uns wir sind frisch gegossenes glas das sich umschlingt warten: auf den siedepunkt bis die sonne implodiert oder die goldfische in unseren augen kollidieren

I. fluoreszenz: spontane emission von licht; fast ohne nachleuchten

das schwarzlicht wird zum schattentheater die goldfische winden sich in deinem blick deine worte sind leeres rauschen für mich zwischenräume die wir nicht füllen konnten mit zellophan bedeckt

ohne himmel bist du gewachsen du bist getaucht in fremden gewässern und augen du hast so viel licht getrunken jetzt bist du selbst nicht mehr als ein goldfisch ein blasser schatten deiner selbst ein sonnenfleck

und ich, ich sehe wie klein deine welt geworden ist seit du nur noch kreise ziehst die zeit hin und herschiebst in der dichteanomalie ich betrachte dich von allen seiten durch das aquariumglas bis die kälte in meine knochen kriecht und das letzte nachleuchten verglüht

 

Zum Monatsthema: Eintauchen (Tunken)

Rosa Lobejäger (*2003) bewegt sich seit dem Sommer im luftleeren Raum zwischen Vergangenheit und Zukunft. Momentan schreibt sie am liebsten über Gräben in Körpern oder Falter, die sich entpuppen, und versucht sich dabei an abstrakten Wortgeflechten.

Jetzt warten wir darauf, dass es wieder von der Decke tropft.

Anna Mistel
aus Göttingen, Jahrgang 2000

Im Herbst letzten Jahres erklärt uns Valentin auf einer Demo,
wie man mit einer Kreditkarte als Löffel zu Mittag isst.

Diesen Winter haben wir Angst
vor Nasen
und Händen
und Fingerabdrücken und öffentlichen Orten.

Einmalbesteck ist wieder modisch geworden.

4°C
ich bin am Baggersee und denke:
wenn ich diesen Winter schon mit niemandem schlafen werde
kann ich mich ja wenigstens mal für den See ausziehen.
Wenigstens ins kalte Wasser springen.

Die Dielen in meiner Wohnung wackeln in Dauerschleife
von meinem Bett aus betrachtet wackelt die ganze Welt.

Hallo Ihr Lieben ich bin Madyyy

heißt es auf meinem Fußboden
bevor ich mit zwei Quadratmetern dunkelblauem Kautschuk kuschle
um mich:

weniger allein

und

mehr in mir selbst

zu fühlen.


Ich habe zweitausendundeinundzwanzig kaum betreten und rieche schon:
ich bin in einem Wartezimmer. 

Die Bilder hier sind unbedeutend bunt
der Kaffeeautomat kaputt
die Filterblase durchgebrannt.
Monat eins war da.

Ich sitze in zweitausendundeinundzwanzig
und mein Name wird nie aufgerufen.

Was geschieht, liegt nicht in unsrer Hand, wäre das auch eine seltsame Erwartung
denn es liegt auch nicht in unsrem Schoß
in unsren Armen
oder unsren Betten.
Schließlich lag auch da schon lange niemand mehr.

Wir haben heute Sauerkraut gemacht.

Meine Dozentin schreibt mir eine Mail, in der sie 2020 als Vorgängerversion bezeichnet.
Wie einen Opel oder nike Turnschuh.

Kann man mich gut hören?

Mein Plan für dieses Jahr heißt Aufbrechen.
Meine Dozentin sagt:
Wir müssen immer wenn wir Weltschmerz haben, ein bisschen vor der eigenen Tür kehren.

Putzplan: 22.01. Böden und Wg-Wäsche

Über mir hat ein Junge das Schlagzeugspielen entdeckt.
Manchmal würde ich auch gerne zuschlagen
und dabei eigentlich nur laut sein.

5,9 km. average pace 5.47. time: 34.20

Wartezimmer waren schon immer Orte, die mich auslachten
und höhnisch wieder ausspuckten
auf dieselbe Weise, wie ich schon immer ihre Zeitschriftenregale verspottete.
 

Pauline sagt: jetzt warten wir darauf, dass es wieder von der Decke tropft.
Währenddessen teilen wir nie wieder Zahnbürsten.

 

Zum Monatsthema: Was, wenn nicht jetzt?

Anna Mistel (*2000) lebt in Göttingen.

Fluchtwegkenntnisse

Nina-Sophie Raach
aus Leipzig, Jahrgang 2001

Tannenzweige federn wieder pfeifend, 
wo das kaltkomprimierte Nass, 
sich stapelnd, nach dem Boden greifend, mit altbekanntem, dumpfen Bass,
der Schwerkraft ergibt. 
Da hat die Kälte das Leben besiegt. 

Unser chromglänzender Intellekt - unbeständig - 
widerstandslos eingeknickt und 
von zentnerschweren Anarchien erdrückt. 
Die immer gnadenlos geraden, 
rauchschwadigen 
Straßen sind 
restlos verloren, am Horizont zerrissen. 
Die immer gnadenlos geraden, 
rauchschwadigen 
Straßen wurden 
mit amüsierter Präzision (fast schon ironisch) flachkantig geschliffen. 
Kühlkristallisiert hat sich der Boden zu Bergen erhoben 
und 
kurzerhand 
unser zentral zementiertes Ego ins Gestern geschoben.  
Die Nachrichten kündigten weltweit anhaltenden Niederschlag an.
Dies- und Jenseits des Äquators lagen frisch gefallene Tatsachen:
" (...) Nah- und Fernverkehr ist eingestellt. 
(...) inzwischen weit über Küsten schwellt. 
(...) lebensfeindlich. Experten sagen (...) unwahrscheinlich." 

Es folgten Glasfaserkabelrisse,
Charterflugverhältnisse,
Zeitzeugenverzeichnisse, 
gesponnene' Geheimnisse
und schließlich Fluchtwegkenntnisse.

Aus den Scherben unserer Silhouetten, 
spannten wir ein schmales Zelt, 
verankerten die Schicksalsketten. 
u n t e n  
irgendwo zwischen Eisdecke und Erdkernfeld. 
Zukunftsvisionen haben wir nicht. 
Alles was wir hatten ist ratlos erstickt. 
Wissen nur: 
Das Konzept Wachstum
hat Gleichgewichte für Profite verschoben, 
überrundet und umstellt von seinem eigenem Schwung,  
hat es sich selbst aus den Angeln gehoben. 

 

Tannenzweige federn wieder pfeifend, 
wo das kaltkomprimierte Nass, 
sich stapelnd, nach dem Boden greifend, mit altbekanntem, dumpfen Bass, 
der Schwerkraft ergibt. 
Da hat die Kälte das Leben besiegt. 

 

Zum Monatsthema: Ungefähr so begann das Tauschen 

Nina-Sophie Raach (*2001), studiert Anglistik an der Universität Leipzig und versucht sich daran, den eigenen Gedankencocktail in eine lyrische Passform zu gießen, um alles besser greifen zu können. Ihr literarischer Durchbruch war die Buchkritik, die ihr 8-jähriges Ich über „Das magische Baumhaus“ verfassen und ins Schaufenster der lokalen Buchhandlung hängen durfte. Magische Baumhäuser hat sie seitdem nur noch vereinzelt gesichtet.

sich verlassen (muessen)

Jonah Rausch
aus Hannover, Jahrgang 2002

Gen·t·ri·fi·zie·rung

/Gentrifiziérung/

Substantiv, feminin [die]SOZIOLOGIE

Aufwertung eines Stadtteils durch dessen Sanierung oder Umbau mit der Folge, dass die dort ansaessige Bevoelkerung durch wohlhabendere Bevoelkerungsschichten verdraengt wird-

ich habe mich zu einem paeckchen gemacht nicht mehr als ein paeckchen, zum in-sich-zusammenknuellen wo kopf an fuß und nase an knie zwischen unsauberen raendern liegt.  habe mich selbst abgeschickt in einen anderen zustand -

ich habe mich verlassen, aus dem eigenen wohnkoerper ausgezogen. neue stille, reize laerme. das war ein ausbrechen oder ein ausbrechen muessen-

grenzen ziehen, weil wir grenzen ziehen muessen damit wir nicht alle eine große menschenmasse werden, die klebrig verheddert durch die großstadt zieht und die vertauscht wird mit dem eigentlich verstaendlich wichtigen -

mit dem neuen koerper an falsche koerper geraten, an falsche koerper geraten muessen, die atemrichtung klauen, das stetig steigende gefuehle zermuerben. waehrend der rhythmus des eigenen atems sich veraendert, die gefuehle gegen fakten abtauschen + dich dann ein beduerfnis nennen oder ein zuhause?

seitdem ich in den neuen waenden vor mich hingammle, seit dem der blick aus dem vierten stock geht, seitdem mein koerper von der anderen seite in die welt kriecht– seitdem weiß ich, dass die welt immer gleich bleibt, dass sich nur die blickrichtung auf die straße aendert und die menschen, die darin wohnen koennen

oder konnten-

 

Zum Monatsthema: Eintauchen (Tunken)

Jonah Rausch (*2002) arbeitet in Hannover und lebt überall zwischen Berlin und Zürich. 
Begibt sich absichtlich in Extremsituationen, um zu schreiben.

ödland

Lena Riemer
aus Langenfeld, Jahrgang 2002

centimeterweit nur blasser
sand fein durchgesiebt
aufgeschüttet sodass er
bedeckt verdeckt schützt
den roten puls im käfig
den niemand sieht und jeder
ahnt sand durchzogen von
blauen flüssen die am gelenk
der macht ins delta münden
archaische gewalten finden
sich ganz weich vor und wieder
und führen über weiße schluchten
schmal und schmerzbehaftet
spurensuche mutters geschenke
braune punkte sternenbilder
auch himmel auf erden vielleicht
aber eher küsse der sonne so
wie geliebte pigmente die farbe
wechseln veränderung je nach
windstärke hält das treiben
die wüste im wandel

 

Zum Monatsthema: der erde eingeweide

Lena Riemer (*2002) studiert Germanistik und Soziologie ein paar hundert Meter abseits der Klinik, in der sie geboren wurde. Hat angefangen zu schreiben, weil es das Einzige war, was Sinn machte (ist es bis heute). Preisträgerin des 35. Treffens junger Autor*innen & noch so anderer Kram. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, z.B. der Jenny 09.

 

kartographie

Patrick Seyfried
aus Stockach, Jahrgang 2002

dein gesicht? vielleicht ein stückchen atlas,
vergilbt und ausgebleicht, der papierfraß
gleicht der auflösung von deinem ich.

gibt mir nur ein ungetreues abbild, ein spiegel-
gesicht wird schicht um schicht um schicht
aus zellstoff aufgebaut und wie eine land-

karte vor mir ausgerollt: die augen sind
moore, allenfalls seen, von lidern umrandet
wie von höhenlinien. ein faltiges plateau führt

zu einer gebirgskette, in deren hänge sich
furchen wie flussbette graben. die wangen
sind ein hügelland mit blassen grübchen

als wären es täler. die lippen – ein sprödes
faltengebirge mit dunkler kluft und schmäler
noch als jeder spalt. doch die landkarte deines

gesichts gibt mir keinen halt, keinen platz
in der welt. ich sehe nur einen landstrich,
das fragile massiv der felswände,

das vor mir zerfällt. du hast mir nie
eine legende gegeben. was von dir
bleibt, ist loses geflecht.

ich wurde deinen maßstäben nie gerecht.

 

Zum Monatsthema: Spiegelgesichter

Patrick Seyfried (*2002) schreibt manchmal. Er versucht dann, etwas zu verstehen, aber es gelingt ihm
nicht. Etwas zu verstehen bedeutet, sich mit der Welt zu versöhnen. Er denkt, dass Versöhnung nur im Konjunktiv stattfinden kann.

à la carte

Tarian Vogtmann
aus Bielefeld, Jahrgang 2003

mir war nicht anders, als ob mein herz
recht angenehm verkomme
zur ersten schwelle meiner angst
zur narbe meiner stimme

mein laut stirbt ab, bevor er blüht
ich klebe meine lippen
an hartes holz, ich beiß mich fest
im blut friert ein mein schatten

wie spiegelt alles das den wahn
zu fühlen und berühren
wer nähert sich den toten an?
kein mensch, warum dann leben-

den menschen mehr zeit zugestehn?
das heißt nur neues bluten
und harz aus narben, rinde fällt
in schuppen von den knochen

ich stell mich aus, ich sterbe laut
in atem, nicht in worten
die sind schon lange, lange fort
und können nichts –

 

Zum Monatsthema: Das Schweigen belichten

Tarian Vogtmann (*2003) studiert Literaturwissenschaft. Schreibt Gedichte, meistens nach metrisch festgelegten Schemata, versucht sich manchmal an Prosa, um sich dann doch wieder den Versen zuzuwenden. They liebt Worte in allen Formen und Ausgestaltungen und bleibt an manchen Metaphern für Tage hängen.